Mürren

Mon Amour

Der Blog zwischen Höhenluft,

Herz und Haltung.

Mürren Mon Amour ist mehr als ein Blog. Es ist eine Liebeserklärung. An den Ort. An das Leben in der Höhe. An Gedanken mit Tiefgang. Hier treffen Höhenluft und Haltung aufeinander, Herz und Horizont. Zwischen Bergnebel und Klarheit entstehen Texte über das, was bewegt – innen wie aussen. Über Mürren als Idee, als Zwischenort, als Möglichkeit. Für alle, die mehr suchen als Aussicht: Einsicht.

Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Zwölf Grad zu viel: die Alpen, die wir verlieren

Hochsommer in Mürren. Zwölf Grad über dem langjährigen Tageshöchstwert. Die Bergluft ist warm wie in der Toskana, der Himmel klar wie der Bergbach, die Terrasse voll wie die Gondeln. Ein perfekter Tag, wenn man nicht darüber nachdenkt, warum.

Hochsommer in Mürren. Zwölf Grad über dem langjährigen Tageshöchstwert. Die Bergluft ist warm wie in der Toskana, der Himmel klar wie der Bergbach, die Terrasse voll wie die Gondeln. Ein perfekter Tag, wenn man nicht darüber nachdenkt, warum.

Zwölf Grad. Nicht über Null. Über dem, was hier oben sonst als Tageshöchstwert galt. Eine meteorologische Anomalie, sagen Fachleute. «Herrlich warm», sagen die Gäste. Mürren war nie nur für schnee- und sonnenanbetende gebaut. Man kam auch her, um der Hitze der Tiefe zu entfliehen, um in der Sommerjacke zu bleiben, um Bergluft zu atmen, die am Nachmittag noch frisch genug war für Gänsehaut. Sommerfrische. Jetzt aber kommen sie, weil es unten kaum mehr auszuhalten ist. Und die Hitze kommt mit.

Hitzetouristen. Flip-Flops auf dem Wanderweg. Selfiestick in der Hand. Vor Eiger, Mönch und Jungfrau lächeln sie ins eigene Display, posten #CoolEscape und ahnen nicht, dass der Gletscher im Hintergrund gerade wieder einen Zentimeter verliert. Es wirkt wie Urlaub, ist aber Evakuation light. Eine Flucht vor der stickigen Masse, die unten in den Strassen hängt und nun langsam auch hier hochkriecht.

Oberhalb von uns taut der Permafrost, das unsichtbare Fundament der Alpen, damals schmelzender Halt, jahrhundertelang fest. Nicht mehr. Er löst sich, lässt Felsen stürzen, Wege verschwinden. Was gestern sicher war, ist heute gesperrt. Der Verlust ist kein abstraktes Zukunftsszenario. Er ist jetzt.

Kühe grasen im Oktober, weil das Gras noch wächst. Lawinen kommen später, kleiner, bis wieder grössere kommen, unberechenbar. Die verhedderten Jahreszeiten. Der Blütenkalender verschiebt sich, Insekten finden ihre Pflanzen nicht mehr. Den Sommer gibt es jetzt in zwei Ausführungen: den alten, gemässigt-milden Bergsommer und einen neuen, fast tropischen Hochsommer.

Wir sind geübt im Schönreden, nennen es «Panoramablick», verkaufen das Schmelzwasser der Gletscher als «spektakuläre Wasserfälle». Der Tourismus lebt vom Bild, nicht von der Diagnose. Das Geschäft mit der Idylle. Doch unter der Postkarte lauert der Bruch: Hoteliers wissen, dass niemand für Geröllfelder bucht. Bergbahnen fürchten Winter ohne Schnee und kämpfen mit Kanonen. Die Einheimischen wissen: ohne festen Berg kein festes Leben.

Noch ist Mürren kühler, mit Brise und Schatten. Doch der Klimawandel steigt schneller als Wanderinnen und Wanderer. Er schiebt die Baumgrenze Meter um Meter nach oben, lässt ewiges Eis mehr und mehr zur rinnenden Erinnerung werden. Vielleicht bald nur noch als Bild auf Werbebroschüren? Das Verfallsdatum der Höhe.

An Tagen wie diesem sitzen wir draussen. Kaffee in der Hand. Paraglider im Himmel. Abendwind mit Heugeruch. Wir geniessen es, weil wir spüren, dass es nicht bleibt. Die Wärme, die uns jetzt angenehm erscheint, ist Teil einer Rechnung, die später jemand bezahlt.

Der Sommer in Mürren ist schön. Und Warnung. Noch hören wir sie, bevor der Berg selbst das Wort ergreift. Nicht unweit hat sich das Blatt gewendet, briiel’tr schmerzend.

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Dem Himmel ganz nah

Es gibt Orte, an denen der Himmel nicht über uns steht, sondern neben uns geht. Orte, an denen das Licht anders fällt, die Zeit langsamer fliesst und der Mensch wieder Teil eines grösseren Ganzen wird. Wo der Himmel anlandet. Mürren ist ein solcher Ort. Kein Ziel, sondern eine Schwelle. Kein Gipfel, sondern ein Dazwischen. Zwischen Himmel und Stein, zwischen Atem und Staunen. Wer hierherkommt, findet nicht einfach Ruhe, er wird still gemacht. Von der Klarheit der Luft, vom Ernst der Berge, vom kindlichen Erstaunen, das plötzlich zurückkehrt. Mürren ist keine Flucht. Mürren ist Erinnerung. An das, was zählt. An das, was bleibt. Und an das, was sich nicht in Worte fassen lässt – sondern nur in einem Blick nach oben.

Es gibt Orte, an denen der Himmel nicht über uns steht, sondern neben uns geht. Orte, an denen das Licht anders fällt, die Zeit langsamer fliesst und der Mensch wieder Teil eines grösseren Ganzen wird. Wo der Himmel anlandet. Mürren ist ein solcher Ort. Kein Ziel, sondern eine Schwelle. Kein Gipfel, sondern ein Dazwischen. Zwischen Himmel und Stein, zwischen Atem und Staunen. Wer hierherkommt, findet nicht einfach Ruhe, er wird still gemacht. Von der Klarheit der Luft, vom Ernst der Berge, vom kindlichen Erstaunen, das plötzlich zurückkehrt. Mürren ist keine Flucht. Mürren ist Erinnerung. An das, was zählt. An das, was bleibt. Und an das, was sich nicht in Worte fassen lässt – sondern nur in einem Blick nach oben.

Zwischen Himmel und Stein. Wer in Mürren lebt oder verweilt, lebt zwischen Himmel und Stein. Der Himmel ist hier keine ferne, abstrakte Idee. Er beginnt direkt über dem Balkon, berührt die Spitzen der Fichten, spiegelt sich in den Augen der Gämsen und Steinböcke, gähnt sich morgendlich über den Grat von Eiger, Mönch und Jungfrau in ein neues Blau. Himmel ist hier nicht nur Wetter. Himmel ist Versprechen.

In der Höhe geschieht etwas mit uns. Nicht nur, weil der Sauerstoff dünner wird, sondern weil die Gedanken klarer, der Blick weiter und das Herz oft weicher wird. Unten im Tal regieren Termine, Verabredungen, Einkaufstaschen, Verkehr, Lärm. Oben ein Atemzug mehr, eine Minute länger stehen bleiben. Und das Staunen wieder lernen. Die Höhe verändert. Wer Mürren betritt, betritt eine Schwelle. Die Welt wird kleiner und grösser zugleich. Die Strassen enden und der Blick beginnt.

«Dem Himmel ganz nah» heisst nicht, ihn zu besitzen. Es bedeutet nicht, dass wir Kontrolle hätten über Wetter, Wolken, Winde. Es heisst vielmehr, dass wir sie wieder spüren dürfen. Dass wir unsere Sehnsucht, unsere Fragen, unsere Müdigkeit in diesen Himmel hineinlegen dürfen – und manchmal kommt etwas zurück. Eine Ahnung. Ein Trost. Ein neuer Gedanke. Nähe, die nicht festhält. Der Himmel hier ist kein Fluchtpunkt. Er ist ein Spiegel, eine Metapher, ein Symbol, eine Erinnerung. Man erkennt sich selbst wieder und manchmal gar erkennt man sich auch ganz neu.

Mürren trägt diese Nähe zum Himmel leise. Es braucht keine Glaskuppeln, keine Luxus-Attrappen, keine künstlichen Versprechungen. Ein Bänkli am Weg reicht. Ein Blick in die Weite. Ein leises «Wow». Die Magie des Unaufgeregten. Das Dorf ist wie ein alter Freund, der nicht viel sagt, aber alles versteht. Der einem den Himmel zeigt, ohne ihn zu erklären. Den Himmel in uns?

Vielleicht ist das der grösste Zauber: dass diese Nähe zum Himmel auch etwas in uns zu verändern mag. Dass man Mürren wieder verlässt und etwas bleibt. Eine Weite im Innern. Eine Stille, die spricht. Eine neue Form von Erdung. Paradoxerweise durch die Höhe. Und später, wenn man unten im Lärm steht und hochschaut, weiss man: Man war dem Himmel einmal ganz nah. Und ein Teil davon ist geblieben.

Mürren: Weil auch der Himmel einen Ort braucht, an dem er anlandet.

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Nebel

Wenn die Welt verschwindet – und eine andere erscheint: Mürren kennt den Nebel. Der Nebel kennt Mürren. Er steigt nicht einfach auf – er erscheint. Wie ein Gedanke, der sich zuerst nicht fassen lässt. Er kriecht aus dem Lauterbrunnental herauf, streicht über die Flueh, Matten und Dächer, legt sich an die Hänge wie leiser Atem. Nicht fordernd. Der Nebel kommt in Zärtlichkeit. Und verändert in Stille alles. Er umhüllt – und verhüllt. Enthüllt eigentlich.

Wenn die Welt verschwindet – und eine andere erscheint: Mürren kennt den Nebel. Der Nebel kennt Mürren. Er steigt nicht einfach auf – er erscheint. Wie ein Gedanke, der sich zuerst nicht fassen lässt. Er kriecht aus dem Lauterbrunnental herauf, streicht über die Flueh, Matten und Dächer, legt sich an die Hänge wie leiser Atem. Nicht fordernd. Der Nebel kommt in Zärtlichkeit. Und verändert in Stille alles. Er umhüllt – und verhüllt. Enthüllt eigentlich.

Die Seilbahnstation, die Lawinenverbauung, der Grat der Jungfrau – was eben noch selbstverständlich war, verliert seine Kontur. Und plötzlich ist da ein Giebel, ein Fenster, ein Mensch. Nicht weil er neu wäre, sondern weil der Nebel ihn ausgewählt, kuratiert hat, sichtbar macht. Für einen Moment. Der Nebel zeigt nicht alles. Aber das Richtige. Er entzieht die Übersicht – und schärft das Empfinden.

Wer weniger sieht, beginnt mehr zu spüren. Geräusche klingen wie durch Watte, der eigene Schritt wird hörbar, er verliert sein Echo und gewinnt an Gewicht. Das Tempo verlangsamt sich. Nicht aus Trägheit – aus Notwendigkeit. Man tastet sich vor. Schrittweise. Ohne Übersicht. Ohne Vorwissen. Der Nebel macht uns langsamer – und darin menschlicher. Er dämpft – aber er lügt nicht. Er trübt – aber er vernebelt nichts. Er erlaubt uns zu schauen, ohne zu sehen. Intimität statt Weitsicht Im Nebel wird die Welt klein. Aber nicht eng. Sondern nah. Alles rückt zusammen – nicht sichtbar, sondern fühlbar.

Der Nachbar, den man sonst grüsst, taucht plötzlich vor einem auf wie eine Erscheinung. Ein Reh, das am Waldrand steht, wirkt nicht mehr wie Wild – sondern wie ein Wesen. Eine andere Zeit bricht auf. Eine andere Präsenz. Und auch wir selbst werden anders. Der Nebel nimmt die Maske der Selbstverständlichkeit ab. Die Aussicht ist weg. Der Status, das Tun, das Streben – verflüchtigt. Was bleibt? Man selbst. Im Gehen. Im Spüren. In der Stille.

Was macht der Nebel mit uns? Er prüft unser Verhältnis zur Unsicherheit. Er stellt uns Fragen: Wer bist du, wenn du nichts siehst? Wer bist du, wenn du niemandem imponieren kannst? Wie gehst du, wenn du den Weg nicht kennst? Er erinnert uns an unsere Verletzlichkeit und auch an unsere Intuition. Er nimmt zwar die Kontrolle, aber uns gibt das Vertrauen. Er fordert uns auf, nicht weiterzusehen, sondern tiefer zu fühlen. Und plötzlich merkt man: Die Unsicherheit ist kein Feind. Sie ist ein Lehrerin, die Demut, Geduld, Präsenz lehrt.

Die Farben leuchten – gerade weil es grau ist. Es ist ein Paradox: Der Nebel macht die Welt nicht farblos – sondern farbiger. Nicht lauter, sondern tiefer. Wenn er sich öffnet, kurz, wie ein Vorhang, dann leuchtet das Gelb der Hauswand wie Gold. Das Rot des Geranienkastens glüht. Die Lärche brennt wie ein Wesen aus Licht. Weil der Nebel das Licht zerlegt. Weicher macht. Und damit das Sichtbare nicht banaler, sondern bedeutungsvoller. Die Welt wirkt dann nicht fotografiert, sondern gemalt. Nicht registriert, sondern empfunden. Vielleicht wird in solchen Momenten das Schöne nicht lauter – sondern wahrer.

Was wir lernen können? Der Nebel ist kein Hindernis. Er ist eine Offenbarung, die sich nicht aufdrängt. Eine, die sich nicht wiederholt. Er zwingt uns, mit weniger auszukommen – und genau darin, mehr wahrzunehmen. Er zeigt uns, dass Kontrolle nicht alles ist. Dass Sichtbarkeit überbewertet wird. Dass Klarheit nicht mit Wahrheit verwechselt werden darf. Und: Dass man sich verlieren darf, um sich selbst zu begegnen.

Mürren, eingehüllt. Wenn der Nebel kommt, wird das Dorf still. Es tritt zurück. Gibt sich nicht mehr zur Schau. Die Hotels werden zu Schemen, die Wege zu Ahnungen, die Kühe verschwinden wie Erinnerungen im Dunst. Und dadurch zeigt sich das Eigentliche: Mürren als Ort. Als Körper. Als Wesen. Nicht das Mürren auf der Postkarte, der Mythos. Aber das im Innersten. Das, was bleibt, wenn alles Sichtbare verschwindet.

Und wenn der Nebel geht? Er geht, wie er gekommen ist. Leise. Unauffällig. Er lichtet sich nicht – er entschwindet. Die Konturen kehren zurück. Der Grat. Der Horizont. Die Welt wirkt wieder echt. Aber man selbst ist nicht mehr ganz dieselbe. Etwas ist passiert. Etwas hat sich verschoben. Vielleicht ist es nur ein Gedanke. Vielleicht eine neue Weichheit. Vielleicht ein zartes Vertrauen, dass man nicht alles wissen muss, um weiterzugehen. Und dass gerade im Nicht-Wissen das Leben seine Tiefe zeigt.

Vielleicht hat der Nebel uns nicht verwirrt. Vielleicht hat er uns erinnert.

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Je vis au Paradis

Ein Satz wie ein Bergbach: klar, einfach, wahr. Gesagt von Päsci, mehr als Koch der alten Metgerei, während er mit ruhigen Händen und einem warmen Lächeln den Dampf aus den Kochtöpfen steigen lässt. «Je vis au Paradis», sagt er – und meint damit nicht irgendeine Idee vom Himmel, Glauben, Religion, sondern Mürren, hier und jetzt. Ein Platz, der nicht mehr braucht, weil er schon mehr als genug ist. Über Genügsamkeit, stille Fülle und das wahre Glück, das sich nicht steigern lässt.

Ein Satz wie ein Bergbach: klar, einfach, wahr. Gesagt von Päsci, mehr als Koch der alten Metgerei, während er mit ruhigen Händen und einem warmen Lächeln den Dampf aus den Kochtöpfen steigen lässt. «Je vis au Paradis», sagt er – und meint damit nicht irgendeine Idee vom Himmel, Glauben, Religion, sondern Mürren, hier und jetzt. Ein Platz, der nicht mehr braucht, weil er schon mehr als genug ist. Über Genügsamkeit, stille Fülle und das wahre Glück, das sich nicht steigern lässt.

Es ist ein Paradox: Je weniger es hier gibt, desto mehr scheint da zu sein. Die Fülle im Wenigen. Keine Läden mit Hochglanz und Überfluss, keine Designerlabels, keine Ampeln, keine Autos, keine Eile, kein Lärm. Und es fehlt nichts. Man schaut aus dem Fenster, sieht den Eiger, den Mönch, den Schwarzmönch, die Jungfrau, das Lauterbrunnental im ersten Licht, hört das Krähen der Tächi, das Singen der Amseln und die Spatzen, wie sie sich auf den Tag freuen, riecht die Frische des Morgendunsts – und spürt: Das reicht. Mürren ist kein Ort, der sich inszeniert. Mürren ist.

Päsci steht in der alten Metgerei, wo vorbereitet, gekocht, gebrüht, geschnitten und eingegossen wird. Kein grosses Restaurant, kleines Menü. Und die Gäste gehen glücklich und satt vom Gefühl, verwöhnt zu sein. Vielleicht liegt es an der Schlichtheit. Vielleicht an der Güte. Vielleicht daran, dass Päsci, während er das Essen zubereitet, sagt: «Je vis au Paradis.» Er meint es. Als ganz einfache Tatsache. Er lebt im Paradies. Punkt.

Man sagt, Glück sei die Abwesenheit von Bedürftigkeit. Wenn nichts fehlt, hört das Begehren auf. Wenn man nicht nach mehr verlangt, beginnt das Leben zu leuchten. Genau das geschieht hier. Mürren verführt nicht – es entzieht sich. Darin liegt sein Zauber. Es gibt keinen Grund, etwas dazu zu erfinden. Keine Notwendigkeit für ein neues Spa, kein Verlangen nach einer schicken Rooftop-Bar und wummernden Bässen im durchschwitzen Techno-Tunnel. Nicht einmal nach mehr Sonne im Oktober oder November.

Schnell, gierig? Mürren ist radikal im Widerstand. Hier regiert die Stille, das Kleine, das Echte, das Langsame. Der Luxus ist nicht golden, sondern blau, gelb, grün, grau und weiss – Schneedecken im Januar – Wiesen im Juli. Nebel immer wieder. Das Blau des Himmeldachs. Das Gelb von Blüten, Sonne, Mond und Sterne. Und durchsichtig – wie das Quellwasser im Glas. Vielleicht erkennt man erst hier, was Fülle wirklich ist: Nicht das, was sich anhäuft, sondern das, was genügt. Stille als Luxus.

«Je vis au Paradis» – ein Satz der einlädt. Still. Unaufdringlich. Kein Lockruf, keine Werbung. Eine Mitteilung, fast schon ein Gebet. Komm, wenn du willst. Und wenn du bleibst, dann merkst du es: Es braucht nicht mehr. Mürren hat alles, was man vergessen hatte zu suchen und gehofft hat zu finden. Oder befürchtet.

Und vielleicht liegt darin die grösste Erkenntnis: Nicht wir haben Mürren zu verbessern. Mürren verbessert uns. Indem es uns zeigt, wie wenig es braucht, um zu sagen – und zu meinen: Je vis au Paradis.

 
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Ahi gah, uehi cho: Vom Weggehen und Heimkehren, von Mürren aus betrachtet

Manche Orte haben eine Seele. Mürren ist einer davon. Wer hier lebt, lebt zwischen Himmel und Erde, zwischen Abgrund und Geborgenheit. Wer hinuntergeht – ahi gah –, lässt nicht einfach nur einen Ort zurück, sondern eine Welt. Und wer wieder heraufkommt – uehi cho –, kehrt nicht nur heim, sondern zurück zu sich selbst. Ein Text über das Gehen und Kommen, über das Tal da unten und die Höhe hier oben. Über das Leben zwischen zwei Bewegungen: Abschied und Ankunft.

Manche Orte haben eine Seele. Mürren ist einer davon. Wer hier lebt, lebt zwischen Himmel und Erde, zwischen Abgrund und Geborgenheit. Wer hinuntergeht – ahi gah –, lässt nicht einfach nur einen Ort zurück, sondern eine Welt. Und wer wieder heraufkommt – uehi cho –, kehrt nicht nur heim, sondern zurück zu sich selbst. Ein Text über das Gehen und Kommen, über das Tal da unten und die Höhe hier oben. Über das Leben zwischen zwei Bewegungen: Abschied und Ankunft.

Es gibt viel mehr. Aber zwei der grundlegendsten Bewegungen im Leben eines Mürrners mögen «ahi gah» und «uehi cho» sein. Und zwischen diesen beiden liegt das ganze Drama der Welt. Ahi gah, das ist nicht bloss ein Weg nach unten. Es ist ein Schnitt. Ein Loslassen. Ein Sich-Abwenden – von der Scholle, vom Licht, von der Stille, von der Ruhe und Heimat. Wer Mürren verlässt, auch nur für einen Tag, der weiss: Dort unten, im Tal, beginnt die andere Welt. Die Welt der Strassen, der Hast, der Dinge, die man tun muss. Die Seilbahnen werden zur Trennlinie. Zwischen dem, was zählt – und dem, was nur Lärm ist.

Ich gehe immer wieder ahi. Mit meinem Rucksack, Absicht und Plan, einem Grund. Und jedes Mal fühlt es sich an wie ein kleiner Verrat. Als würde ich etwas im Stich lassen. Nicht weil ich ging. Sondern weil ich weg war. Denn oben ist nicht einfach ein Ort. Es ist ein Zustand. Eine Verfasstheit. Eine Art, sich selbst zu hören. Und jedes Mal, wenn ich uehi komme, wenn ich zurückkomme, dann nicht nur mein Körper. Es kommt mein Herz. Mein Atem. Mein Blick. Meine Inspiration. Mein Rhythmus. Uehi cho ist kein Ankommen im klassischen Sinn. Es ist ein Wiederfinden.

Wer aus dem Tal zurückkehrt, sieht Mürren immer neu. Die Berge wie Wächter. Die Luft wie gereinigt. Der Weg zur eigenen Türe – ein heiliger Pfad. Ich kenne Menschen, die kaum ahi gange sind. Die nie wahrgenommen haben, wie Mürren aussieht, wenn man von unten heraufschaut, mit Sehnsucht in der Brust und einem Koffer in der Hand. Und ich kenne Menschen, die nur ahi gange sind – und nie uehi cho. Sie wohnen hier, ja. Aber sie kehren nie wirklich zurück. Weil sie nicht losgelassen haben, dort unten, im Dunst der Städte. Es braucht Mut, zu gehen. Und es braucht Liebe, zurückzukehren.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht diese beiden Bewegungen sind, die das Leben ausmachen. Ahi gah, weil wir uns hinauswagen müssen in die Welt. Und uehi cho, weil wir eine Heimat brauchen, die uns wieder aufnimmt. Mürren ist so eine Heimat. Eine der Heimaten. Eine, die nicht klammert. Aber wartet. Geduldig. Still. Mit Schnee auf den Dächern oder Sonne auf den Wiesen. Ich gehe oft ahi. Und jedes Mal verliere und verzehere ich mich ein bisschen. Aber ich bin auch immer wieder uehi cho. Und jedes Mal habe ich mich ein bisschen mehr gefunden. Auch wenn es Jahrzente gedauert hat, andauert.

Willkommen daheim. Willkommen in Mürren. Willkommen bei dir.

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Mürren: Ein Dorf (da)zwischen

Hoch über dem Lauterbrunnental liegt Mürren – nicht einfach auf, sondern zwischen den Bergen. Eingeklemmt zwischen zwei Bahnen, zwei Bächen, balanciert auf einer Terrasse namens Fluh, öffnet sich das Dorf zu einer Arena aus Fels und Himmel. Kein Durchfahrtsort, sondern ein Endpunkt, der sich wie ein Anfang anfühlt. Wer hierherkommt, findet mehr als Aussicht: einen Zustand. Eine Stille, die etwas zeigt, ohne es auszusprechen. Mürren ist nicht bloss ein Ort – es ist eine Haltung.

Hoch über dem Lauterbrunnental liegt Mürren – nicht einfach auf, sondern zwischen den Bergen. Eingeklemmt zwischen zwei Bahnen, zwei Bächen, balanciert auf einer Terrasse namens Fluh, öffnet sich das Dorf zu einer Arena aus Fels und Himmel. Kein Durchfahrtsort, sondern ein Endpunkt, der sich wie ein Anfang anfühlt. Wer hierherkommt, findet mehr als Aussicht: einen Zustand. Eine Stille, die etwas zeigt, ohne es auszusprechen. Mürren ist nicht bloss ein Ort – es ist eine Haltung.

Mürren ist kein Ort, der einfach da ist. Mürren ist ein Zustand. Ein schwebendes Zwischen. Ein Dorf, das nicht liegt, sondern hängt – zwischen Ab- und Berghang. Kein Durchfahrtsort, kein Knotenpunkt, keine Kreuzung. Eher eine Art Endpunkt, der sich wie ein Anfang anfühlt.

Auf der Fluh, dieser alpinen Terrasse, ruht es. Ein Stück Erde, das sich wie ein Absatz in der Wand des Himmels anfühlt. Als hätte jemand in die steile Geschichte der Alpen ein Atemholen eingebaut. Links, die eine Bahn. Rechts die andere. Links, der eine Bach. Rechts der andere. Linien, die den Ort begründen und begrenzen, wie Klammern ein Wort. Dazwischen: Mürren. Kein Ort der Breite, sondern der Konzentration. Kein Ort des Weggehens, sondern des Bleibens.

Vor ihm öffnet sich die Bühne. Eine Arena aus Bergwänden, die nicht einfach Landschaft sind, sondern Sprache. Die sich auftürmen wie eine dramatische Kulisse, als würde die Natur etwas sagen wollen – oder schweigen, aber mit Wucht. Eiger, Mönch, Jungfrau: Namen, die wie Figuren wirken. Mürren ist das Parkett.

Mittendrin: Menschen, gekommen, um zu schauen. Zu wandern. Zu atmen. Zu staunen. Zu arbeiten. Zu leben. Zu sein. Und um eines Tages zu verstehen, dass Mürren nicht bloss ein Ort auf der Landkarte ist, sondern ein Ort im Innern. Ein Dorf, das nichts behauptet – und doch alles zeigt. Ein Grenzort. Zwischen Himmel und Fels. Zwischen Natur und Kultur. Zwischen Stille und Wind. Und manchmal, ganz selten, zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht möglich ist.

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Ithaka liegt auf 1’650 m ü. Meer: Eine Mürren-Odyssee

Ithaka liegt auf 1’650 m ü. Meer: Eine Mürren-Odyssee - Ithaka ist kein Ort. Es ist ein Zustand. Eine Sehnsucht. Eine Rückkehr zu etwas, das wir noch nicht kennen – und längst vermissen. Wer Mürren erreicht, ist nicht einfach angekommen. Sondern weitergereist. Über die Täler hinaus. Über die eigenen Vorstellungen hinweg.

Ithaka ist kein Ort. Es ist ein Zustand. Eine Sehnsucht. Eine Rückkehr zu etwas, das wir noch nicht kennen – und längst vermissen. Wer Mürren erreicht, ist nicht einfach angekommen. Sondern weitergereist. Über die Täler hinaus. Über die eigenen Vorstellungen hinweg.

Nicht alle, die wir hinaufkommen, wissen, dass sie unterwegs sind. Manche glauben, sie machten Ferien. Andere denken, sie kämen zum Arbeiten, zum Wandern, zum Aussteigen. In Wahrheit sind wir alle auf einer Reise – und Mürren ist unser Ithaka. Der Ort liegt wie ein Versprechen über dem Tal. Nicht oben. Nicht unten. Zwischen Himmel und Boden, zwischen gestern und morgen, zwischen dem, was war, und dem, was werden soll. Wer hier ankommt, ist noch nicht da – und doch weiter als je zuvor.

Die Odyssee beginnt unten. In der Dämmerung der Täler, dem Trüben, der Weite. In der engen Welt der Städte und Agglomerationen, Termine, Bildschirme, Verpflichtungen und Pflichten. Wer sich nach Mürren aufmacht, wählt nicht nur einen Zielort, sondern einen Übergang. Die Seilbahn auf die Grütschalp ist der erste Schnitt aus dem Ungewohnten. Dann der Zug, über Wiesen, durch Wald, gleitend, langsam vorbei am Panorama, die Spitzen der Bergkette in den Himmel. Was wie Tourismus aussieht, ist in Wahrheit ein archaisches Ritual: Du verlässt die Ebene, du gibst dich der Höhe preis. Du wirst kleiner. Die Berge grösser. Und etwas in dir beginnt sich zu erinnern: So fühlt sich Wahrheit an.

Ithaka war für Odysseus kein Ort – sondern Zustand. Ein Versprechen. Eine Möglichkeit. Mürren ist genauso. Wer hierherkommt, wird nicht mit Antworten beschenkt. Sondern mit Klarheit. Mit Kargheit. Mit Stille. Kein Ort der Euphorie. Aber der Essenz. Keine Arena des Spektakels. Aber eine schroffe, schöne Stille, in der man endlich wieder hören kann, was in einem längst ruft. Und die Berge fragen: Wer bist du? Weisst du es?

Mürren ist nicht das Ende. Aber ein Innehalten. Ein Ort, an dem man aussteigen darf – aus dem Rausch, aus der Eile, aus der Idee, jemand sein zu müssen. Hier kann man wieder jemand werden. Langsam. Unauffällig. Wesentlich. Die Wolkenmeere, die durch das Lauterbrunnental wogen, sind wie Prüfungen. Sie verstellen den Blick. Und offenbaren ihn. Sie erzählen von Übergängen, von Zweifeln, von Vertrauen. Wie Odysseus, der immer wieder aufbrach – in dem Wissen, dass er zurückkehren muss, obwohl er längst nicht mehr der war, der einst aufbrach.

Wer Mürren verlässt, verlässt nicht einen Ort. Sondern eine Möglichkeit. Und nimmt etwas mit: ein anderes Verhältnis zur Zeit. Eine andere Art zu schauen. Eine andere Idee von Reichtum. Vielleicht ist das die grösste Lehre jeder Odyssee: Du kommst nicht heim, um der Alte zu bleiben. Du kommst heim, um neu zu beginnen. Und manchmal liegt das neue Leben – 1’650 Meter über dem alten.

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