Nachts sehe ich nur Stille
Sie fällt leise, wenn sie fällt, die Nacht über Mürren. Weder Tosen noch Poltern, auch kein Hupen, keine Sirenen, kein Scheinwerfergewitter. Nur dunkel, einfach dunkel, das sich ausbreitet wie ein samtenes Tuch. Mürren, dieser Ort ohne Autos, ohne Strassenlärm, ohne grelle Lichtreklamen, kennt die Stille noch. Und in der Nacht gehört sie ganz ihr.
Ich stehe am Fenster. Das Tal unter mir verschluckt sich selbst, ein schwarzer Schlund, in dem die Lichter von Lauterbrunnen wie vergessene Gedanken flackern. Kleine Feuer, die nicht verlöschen, auch wenn niemand mehr hinsieht. Weiter oben, am Berg, leuchtet nichts. Kein Licht, keine Bewegung. Nur Stille. Und doch sehe ich etwas: die Stille. Nicht als Abwesenheit von Klang, sondern als Gestalt. Eine Präsenz. Ein Wesen. Eine Art Nachtwesen, das sich niederlässt über den Dächern, zwischen den Tannen, auf den Schultern der Berge – und mir zuflüstert.
Sie hat eine Textur. Sie ist nicht glatt, nicht leer. Sie ist weich wie Moos, kühl wie Schnee, lebendig wie Atem. Manchmal wirkt sie fremd, manchmal nah. Sie streckt ihre Finger in meine Gedanken, zieht sie auseinander, fügt sie neu zusammen. Sie nimmt mir etwas, das ich nicht brauche, und gibt mir etwas, von dem ich nicht wusste, dass es fehlt. Nachts, wenn der Lärm verstummt, höre ich mein Herz. Meine Fragen. Meine Erinnerungen. Auch meine Angst. Und hinter allem: ein leiser Trost. Denn selbst meine Angst klingt kleiner in dieser Weite.
Die Nacht stellt keine Fragen. Sie antwortet durch ihre Gegenwart. Und ihre Antwort ist nie hart, sondern still, geduldig, wie ein Meer ohne Wellen. Sie zwingt mich nicht. Sie legt sich nur hin. Und gerade darin, in dieser Sanftheit, liegt ihre Wahrheit.
Und doch: Diese Stille ist nicht nur Trost. Sie ist auch eine Zumutung. Bisweilen. Denn sie zeigt mir, was ich sonst verberge. Sie entblösst meine Masken. Sie hält mir den Spiegel hin. Aber selbst dann, wenn ich die Schatten sehe, bleibt sie milde. Sie trägt das Dunkle ohne Urteil. Sie ist weit genug, alles aufzunehmen.
Nachts sehe ich nur Stille. Kein Drama. Kein Spektakel. Keine Ablenkung. Und doch ein Geheimnis, das sich nicht ganz auflösen lässt. Ein Schweigen, das nicht leer ist, sondern voller Bedeutung. Was bleibt, wenn alles andere aufhört, ist nicht nur Abgrund, sondern auch Leichtigkeit. Ein Schweigen, das trägt. Ein Dunkel, das wärmt.
Tröstlich, dass selbst die Nacht nicht leer ist. Dass sie mich nicht fallen lässt. Dass in ihrer Weite Platz ist für alles, selbst für mich. Vielleicht ist das genug. Vielleicht ist es sogar alles.