Anfahrt.
Die Anfahrt nach Mürren ist kein Weg. Sie ist ein Übergang. Ein langsames Herauslösen aus Geschwindigkeit, Dichte und Gewissheit. Wer ankommt, hat bereits begonnen, sich zu verändern.
Die Anfahrt ist mühsam. Man kann es nicht anders sagen. Mühsam im wörtlichen Sinn. Sie verlangt etwas. Zeit. Aufmerksamkeit. Bereitschaft. Mehrfaches Umsteigen. Kurze Übergänge. Ein Blick auf den Fahrplan, der nicht verziehen wird. Man ist Teil einer Choreografie, die nicht auf einen wartet. Zürich. Bern. Thun. Interlaken. Lauterbrunnen. Grütschalp. Mürren. Namen, die man kennt, aber in dieser Abfolge beginnen sie sich zu verschieben. Die Städte werden kleiner, die Wege enger, die Taktung präziser.
Von Thun entlang des Sees. Noch einmal Weite. Noch einmal Horizont. Dann Interlaken. Die Berge treten näher. Sie stehen nicht mehr am Rand, sie stehen im Raum. Man wechselt. Wieder. Weiter. In das Tal. Lauterbrunnen. Eng. Steil. Fast unwirklich. Der Blick geht nach oben, nicht mehr nach vorn. Dann wieder ein Wechsel. Gondel. Seil. Höhe. Der Boden löst sich. Und mit ihm etwas anderes. Der Lärm. Die Geschwindigkeit. Die Selbstverständlichkeit, dass alles einfach zugänglich ist.
Oben ist es anders. Oft. Nicht immer, aber meistens. Das Wetter hat seine eigene Logik. Unten Regen, oben Sonne. Unten grau, oben Licht. Man tritt aus und merkt sofort, dass man nicht mehr im selben System ist.
Die Anfahrt zwingt zur Vorbereitung. Man plant. Man denkt voraus. Man kauft ein. Unten. Weil oben vielleicht nichts mehr offen ist. Weil die Zeiten anders sind. Weil die Verfügbarkeit nicht garantiert ist. Wer spät kommt, isst, was da ist. Wer früh fährt, nimmt mit, was er braucht. Keine schnellen Kaffees mehr zwischen zwei Gleisen. Keine Läden, die immer offen sind. Man trägt seine Dinge selbst. Physisch und gedanklich.
Und dann ist man da. Frische Luft. Eine andere Art von Stille. Der Blick geht weit und gleichzeitig wird er geführt. Eiger. Mönch. Jungfrau. Schwarzmönch. Namen, die nicht dekorativ sind, sondern präsent. Manchmal Schnee. Manchmal Frühling. Manchmal ein Sommer, der sich anfühlt wie ein Versprechen.
Die Anfahrt lohnt sich. Nicht trotz ihrer Mühsal.
Deswegen.

