Don’t eat the yellow snow.

Neongelb ist in Winter-Mürren keine Farbe, sondern ein Ereignis. Ein Signal. Ein kurzer Riss in der weissen Ordnung. Wenn man es sieht, dann weiss man sofort: Hier ist etwas passiert. Hier könnte etwas passieren. Oder jemand musste. Über Warnfarben, Rettungshubschrauber und die kleinen, ehrlichen Zeichen des Lebens.

Neongelb ist etwas, das man in Mürren unter ganz bestimmten Voraussetzungen sieht. Es ist noch kein modischer Akzent, die stechenden Skioveralls und Daunenjacken finden erst langsam zurück in die Alpen. Eher schon ein Designstatement, sicher aber Funktion.

Erste Möglichkeit: Die Air-Glaciers kommt. Der Helikopter legt sich in die Bergluft wie ein grosses, rotierendes Ausrufezeichen. Männer und Frauen steigen aus, konzentriert, ruhig, präzise. Rettung ist kein Spektakel, dafür Alltag auf hohem Niveau. Neongelb bedeutet dann: Achtung, jetzt wird es ernst. Bitte Platz machen. Bitte Staunen einstellen.

Zweite Möglichkeit: Man steht dort, wo man nicht stehen sollte. Am Ende der Piste. Oder knapp hinter der Absperrung. Neongelbe Markierungen im Schnee sagen dann: Bis hierhin und nicht weiter. Der Berg ist freundlich, aber nicht verhandelbar. Wer das Neongelb ignoriert, lernt schnell, dass Freiheit hier immer an Verantwortung gekoppelt ist.

Und dann gibt es die dritte Variante. Die leiseste. Die menschlichste. Die ehrlichste. Der Hund. Auch in Mürren müssen Hunde pinkeln. Auch im Winter. Auch bei minus zehn Grad. Auch wenn die Landschaft aussieht, als hätte jemand die Welt frisch gewaschen und gebügelt. Der Hund kennt keine romantische Vorstellung von unberührtem Schnee. Er kennt Druck auf der Blase.

So entstehen sie. Diese kleinen, neongelben Interventionen am Wegrand. Mal gross. Mal bescheiden. Je nach Hund. Je nach Dringlichkeit. Je nach Charakter. Man sieht sie morgens. Beim ersten Spaziergang. Noch bevor die Sonne richtig da ist. Noch bevor der Tag entschieden hat, was er werden will. Gelb im Weiss. Ein Kontrast, den kein Gestaltender besser hinbekommt.

Natürlich weiss jeder: Don’t eat the yellow snow. Ein Satz aus der Popkultur. Ein Witz. Eine Warnung. In Mürren ist es eher eine Selbstverständlichkeit. Und doch passiert etwas Interessantes. Diese Flecken stören. Und sie beruhigen zugleich.

Sie stören, weil sie die Illusion der perfekten, makellosen Winterpostkarte zerstören. Sie beruhigen, weil sie zeigen: Hier wird gelebt. Hier ist Körperlichkeit. Hier ist Alltag. Hier ist kein Museum. Der Hund markiert nicht nur sein Revier. Er markiert Zeit. Vor fünf Minuten war hier noch nichts. In zwei Stunden mag alles wieder weiss sein. Der Schnee vergisst schnell. Der Berg ohnehin.

Darum ist das Neongelb im Schnee so tröstlich. Es erinnert daran, dass auch im Hochglanzwinter etwas Unkontrolliertes, Warmes, Organisches existiert. Dass selbst im strengsten Weiss ein Moment Unordnung erlaubt ist. Und dass Mürren, bei aller Erhabenheit, bei aller Ruhe, bei aller ikonischer Schönheit, kein Postkartenmotiv ist, sondern ein Ort. Der lebt. Mit Helikoptern. Mit Warnmarkierungen. Und mit Hunden, die müssen, wenn sie müssen.

Don’t eat the yellow snow. Aber schau ruhig hin. Er erzählt mehr über das Leben hier oben, als man denkt.

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MRRN Plage: Über Raum, der frei bleibt.