Sonnenaufgänge.

Zwei Sonnenaufgänge an einem Morgen. Einer hoch oben, weit, still und umfassend. Einer weiter unten, näher, tastend, beinahe intim. Zwischen Schilthorn und Mürren zeigt sich, was Perspektive wirklich ist: nicht Distanz, sondern Bereitschaft. Eine Einladung, sich drehen zu lassen, hinabzusteigen und neu zu beginnen. Ohne Eile. Einfach, weil das Licht es erlaubt.

Kurz nach 8, die erste Fahrt hinauf aufs Schilthorn. Noch dieses tastende Licht, das nichts verspricht und alles vorbereitet. Kein Morgen im eigentlichen Sinn. Eher ein Innehalten zwischen Nacht und Tag. Das Grau hatte noch kein Ziel, der Himmel noch keine Meinung. Die Gondel gleitet nach oben, als wüsste sie selbst noch nicht, wohin genau sie unterwegs ist, nur dass es richtig war, sich jetzt zu bewegen. Unter mir der Schatten des Tals, über mir eine Helligkeit, die sich erst erfinden muss.

Im Drehrestaurant setze ich mich, nicht aus Hunger, aus Neugier. Die Stühle stehen still, die Tische warten, als hätten sie schon viele solcher Morgen erlebt und wüssten, dass man ihnen nichts vormachen muss. Draussen die Berge, noch zurückhaltend, noch nicht bereit, sich ganz zu zeigen. Drinnen ein leises Klirren von Geschirr, gedämpfte Stimmen, Menschen, die noch nicht ganz bei sich angekommen sind. Und dann die langsame Bewegung. Kein Ruck, kein Zeichen. Man merkt erst, dass man sich dreht, wenn sich draussen die Welt verschiebt. Wenn ein Gipfel, der eben noch frontal war, plötzlich zur Seite rückt. Wenn der Horizont sich nicht hebt, sondern gleitet.

Und dann kommt er, der erste Sonnenaufgang. Nicht der plötzliche. Sondern der zärtliche. Die Sonne spähte hinter dem Berg hervor, vorsichtig, beinahe schüchtern, als müsste sie sich vergewissern, ob sie willkommen ist. Kein grosses Pathos, kein dramatisches Aufbrechen. Eher ein erstes Blinzeln. Ein kaum merkliches Leuchten, das mehr fragt als behauptet. Dann ein Hauch von Gold auf Fels, ein wärmeres Grau im Himmel. Und schliesslich, mit einer Klarheit, die keine Fragen mehr offenlässt, flutete das Licht den Raum. Das Glas, die Tische, die Gesichter. Die Kaffeetassen wurden plötzlich Teil einer Komposition, die Hände der Menschen sichtbar, die Augen wacher. Und etwas in mir, das sich erwärmen lässt, ohne sich erklären zu müssen. Kein Gedanke, ein Einverständnis.

Weitsicht. Dieses Wort wird zu oft benutzt. Heute ist es keine leere Floskel. Keine Idee, kein Konzept, keine touristische Geste. Die Welt liegt offen da. Thun, Milano, Paris und Hamburg, alles scheint nur einen Blick weit entfernt. Still. Unangestrengt. Nichts zu beweisen. Berge, Täler, Linien, Übergänge. Alles da, alles gleichzeitig, nichts fordernd. Die Sonne steht da wie ein Gedanke, der sich endlich ausspricht, nachdem er lange genug still war. Kein Argument, eher eine Gewissheit.

Dann wieder hinunter. Nach Mürren. Der Abschied vom Oben geschieht ohne Träne. Die Höhe lässt einen gehen. Sie weiss, dass sie nicht festhalten muss. Die Fahrt zurück ist leiser. Mehr innen als aussen. Als würde man von einer Idee in den Alltag zurückkehren, um festzustellen, dass der Alltag selbst eine Idee ist. Dass auch er etwas Gemachtes, Gedachtes, Gestaltetes ist.

Der zweite Sonnenaufgang wartete dort bereits. Auf 1’650 m ü. Meer. Hinter Eiger, Mönch und Jungfrau. Jetzt kein Hineinfluten mehr, sondern ein Herausarbeiten. Das Licht kommt nicht als Ganzes, sondern in Schichten. Erst eine Ahnung. Dann eine Linie. Dann ein Schatten, der seinen Platz sucht. Konturen wurden sichtbar, Kanten bekommen Gewicht. Die Berge stehen nicht mehr als Panorama da, sondern als Gegenüber. Das Licht tastet sich über sie, zieht Linien, setzt Akzente, lässt Flächen entstehen und wieder verschwinden. Die Sonne geht auf, aber anders. Erdiger. Näher. Weniger Bühne, mehr Beziehung. Man kann zusehen, wie der Tag sich zusammensetzt.

Zwei Sonnenaufgänge an einem Tag. Nicht im übertragenen Sinn. Nicht als Metapher. Real. Spürbar und fast nüchtern in ihrer Selbstverständlichkeit. Bietet nur Mürren diese Möglichkeit? Oder braucht es dafür einfach nur einen Ort, der Höhen und Distanzen nicht gegeneinander ausspielt, sondern sie miteinander verschränkt? Einen Ort, der erlaubt, dass Perspektiven sich ergänzen, statt sich zu widersprechen.

Und überhaupt: Was ist ein Sonnenaufgang eigentlich? Ein Anfang. Sagen wir. Aber wovon? Vom Tag. Vom Denken? Vom Vertrauen? Oder ist er weniger ein Start als eine Einladung? Eine leise Bitte, anwesend zu sein? Nicht schneller zu werden, sondern wacher? Heute gleich zweimal. Einmal von oben, einmal von innen. Einmal mit Weitsicht, einmal mit Verankerung. Einmal die grosse Ordnung, einmal die kleine Nähe.

Ich habe gelernt, dass Perspektive nichts mit Entfernung zu tun hat. Sondern mit Bereitschaft. Mit der Bereitschaft, sich drehen zu lassen, ohne Widerstand. Und dann wieder hinabzusteigen, ohne Verlustgefühl. Mürren ist gut darin, solche Lektionen nicht zu erklären, nicht zu benennen, nicht zu verkaufen. Es lässt sie einfach stattfinden. Still, zuverlässig und unaufdringlich.

Zwei Sonnenaufgänge. Kein Spektakel. Kein Triumph. Ein Geschenk. Und die Ahnung, dass man mehrmals am Tag beginnen darf. Nicht neu im grossen Sinn. Sondern neu genug, um anders hinzuschauen. Wenn man nur rechtzeitig hinschaut. Und vielleicht auch dann, wenn man zu spät ist.

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Don’t eat the yellow snow.