MRRN x
INFERNO
Wie schnell traust du
dich, Mensch zu sein?
Es gibt Sportereignisse, die gemessen werden. Und solche, die erinnern. Das Inferno ist zweiteres. Wer es fährt, weiss: Hier geht es nicht primär um Zeit. Es geht um Willenskraft. Um Mut. Um eine sehr alte Frage, die in den Bergen immer wieder neu gestellt wird: Wie schnell traust du dich, Mensch zu sein?
Seit 1928 stürzen sich jedes Jahr bis zu 1850 Skifahrerinnen und Skifahrer vom Schilthorn hinunter Richtung Lauterbrunnental, wenn die Schneebedingungen dies zulassen. 14,9 Kilometer. Über 2’100 Höhenmeter. Ein Massenstart. Keine Schonung. Keine Gnade. Das Inferno ist die weltweit grösste Amateur-Abfahrt und zugleich eines der letzten grossen alpinen Rituale, das sich nicht vollständig hat domestizieren lassen.
Das Rennen wurde von Sir Arnold Lunn und einer kleinen Gruppe britischer Skienthusiasten ins Leben gerufen. Damals war Skifahren kein Lifestyle. Es war Grenzerfahrung. Improvisation. Risiko. Wer 1928 am Start stand, wusste nicht, ob er unten ankam. Und genau dieser Geist hat sich erhalten.
Die Strecke als Prüfung
Das Inferno ist kein homogener Hang. Es ist ein zusammengesetzter Körper. Steil. Flach. Wieder steil. Passagen, die Geschwindigkeit verlangen, und andere, die sie bestrafen. Stellen, an denen Technik entscheidet, und solche, an denen reine Kondition über Weiterkommen oder Stillstand bestimmt. Wer das Inferno fährt, fährt kein ideales Skirennen, sondern ein Abbild der Alpen selbst: widersprüchlich, unberechenbar, majestätisch.
Die Siegerzeiten liegen heute bei unter 15 Minuten. Eine Zahl, die nüchtern wirkt, aber nur deshalb, weil sie verschweigt, was davor liegt: jahrelanges Training, mentale Vorbereitung, das Wissen, dass ein einziger Fehler nicht korrigiert werden kann. Im Inferno gibt es keine zweite Linie.
Und dennoch ist das Rennen offen. Amateurisch im besten Sinn. Nicht elitär, sondern archaisch demokratisch: Wer es schafft, sich zu qualifizieren, darf starten. Wer startet, gehört dazu. Für viele ist das Inferno kein Karrierebaustein, sondern ein Lebensereignis.
Mürren und das Recht auf Wildheit
Dass dieses Rennen in Mürren stattfindet, ist kein Zufall. Mürren ist kein Skiort im üblichen Sinn. Es ist ein Hochplateau. Eine Kante. Ein Ort, an dem man nicht einfach durchfährt. Wer hier lebt oder ankommt, muss sich verhalten. Muss zuhören. Muss langsamer werden.
Und dann passiert das Gegenteil. Dann wird aus Stille ein Dröhnen. Aus Zurückhaltung ein Ausbruch. Das Inferno ist der legitime Kontrollverlust dieser Landschaft. Ein Moment, in dem das Dorf, der Berg und der Mensch übereinstimmen: Jetzt darf Geschwindigkeit sein. Jetzt darf Übermut sein. Jetzt darf das, was sonst gezügelt wird, sichtbar werden.
Warum Teufel?
Der Name ist Programm. Inferno ist keine Metapher, die beruhigt. Sie meint Hitze, Angst, Raserei, Grenzerfahrung. In den MRRN x Inferno-Sujets wird diese Dimension sichtbar gemacht, nicht illustriert. Der Teufel ist hier kein Bösewicht. Er ist der Begleiter.
Er steht für das, was im alpinen Mythos immer mitschwingt: die Versuchung, schneller zu sein als klug. Mutiger als sicher. Freier als vernünftig. Der Drache, der hinter dem Fahrer auftaucht, ist kein Gegner. Er ist die Verdichtung der Kräfte, die ihn antreiben. Die Flammen im Schnee sind kein Effekt. Sie sind ein Widerspruch. Und genau darin liegt ihre Wahrheit.
Das Inferno als kulturelles Gedächtnis
Sport wird zunehmend normiert, überwacht und optimiert; das Inferno wirkt beinahe wie aus der Zeit gefallen. Und deshalb ist es relevant. Es erinnert daran, dass Leistung einmal etwas anderes bedeutete als Effizienz. Dass Risiko kein Fehler war, sondern Voraussetzung.
Das Inferno ist kein Event für Sponsorenlogiken. Es ist ein Ereignis für Körper und Geschichten. Wer es gefahren ist, spricht anders über Berge. Wer zugeschaut hat, weiss, dass hier nicht bloss ein Rennen stattfindet, sondern eine kollektive Erinnerung, die sich jedes Jahr neu einschreibt.
MRRN x Inferno
Keine Affichen zum Bewerben, die Sujets sind ein visuelles Gedächtnisstück. Sie übersetzen das Unsagbare des Inferno-Rennens in Bilder, die behaupten. Die nicht illustrieren, sondern konfrontieren. Der Teufel, der Springer, der Drache und der Walfisch auf dem Berg: Sie sind keine Fantasiefiguren. Sie sind Zustände.
MRRN Inferno ist keine Serie über Sport. Es ist eine Serie über das, was bleibt, wenn Geschwindigkeit, Angst, Schönheit und Wille gleichzeitig auftreten. Ist das der Kern dieses Rennens seit 1928? Nicht schneller zu werden? Sondern sich jedes Jahr aufs Neue zu trauen, hinunterzufahren?

