Mürren

mon Amour

Blog zwischen Höhenluft,

Herz und Haltung.

Mürren mon Amour ist eine Liebeserklärung. An den Ort. An das Leben in der Höhe. An Gedanken mit Tiefgang. Hier treffen Höhenluft und Haltung aufeinander, Herz und Horizont. Zwischen Bergnebel und Klarheit entstehen Texte über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, als Zwischenort, als Möglichkeit. Für alle, die mehr suchen als Aussicht: Einsicht.

Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Dunge isch scho Früehlig

Unten ist der Frühling längst angekommen. Oben hält der Winter die Stellung. Dazwischen liegt ein Weg, der mehr ist als nur eine Strecke ins Unterland.

Unten ist der Frühling längst angekommen. Oben hält der Winter die Stellung. Dazwischen liegt ein Weg, der mehr ist als nur eine Strecke ins Unterland. Es ist ein Übergang zwischen zwei Zuständen, zwei Zeiten, zwei Wahrheiten.

MRRN: "Dunge isch scho Früehlig". Fotografie: Daniel Frei

Ich gehe runter. Ahi. Wie immer ein wenig zu schnell für die Gedanken, etwas zu langsam für die Zeit. Die Schritte finden ihren Rhythmus von selbst, der Blick weitet sich mit jedem Meter, den ich verliere. Höhe wird abgegeben, Schwere auch.

Oben, in Mürren, liegt noch alles unter dieser dicken, fast trotzig wirkenden Schneeschicht. Weiss. Ruhig. Gedämpft. Als hätte er gerade erst begonnen, der Winter, als hätte er sich entschieden, noch einmal von vorn anzufangen. Jeder Schritt knirscht dort oben noch. Jeder Atemzug ist klar, fast streng.

Und dann, kaum ist man ein Stück tiefer, kippt die Welt.

Der Schnee verschwindet nicht langsam, nicht höflich, sondern abrupt. Erst Flecken, dann Linien, dann nichts mehr. Der Boden wird sichtbar, feucht, dunkel, lebendig. Das erste Grün schiebt sich durch, nicht vorsichtig, sondern entschlossen. Und plötzlich ist da diese Wärme. Eindeutig. Und sie bleibt.

Dunge isch scho Früehlig.

Ein Satz, der nicht erklärt werden muss. Man sieht es. Man riecht es. Man spürt es in den Gelenken, in der Haut, im Tempo der Menschen. Die Gespräche verändern sich. Die Schritte auch. Alles wirkt ein wenig offener, ein wenig leichter, als hätte jemand die Spannung aus der Landschaft genommen. Ich bleibe kurz stehen. Nicht aus Müdigkeit. Eher aus Verwunderung.

Wie kann das sein, dass zwei Jahreszeiten gleichzeitig existieren, getrennt nur durch ein paar hundert Höhenmeter? Oben Winter. Unten Frühling. Kein Übergang im klassischen Sinn, kein langsames Gleiten, sondern ein Nebeneinander.

Und beides stimmt.

Oben ist es nicht «noch» Winter. Es ist Winter. Vollständig. Berechtigt. Unten ist es nicht «schon» Frühling. Es ist Frühling. Ebenfalls vollständig. Ebenfalls berechtigt. Das zeigt dieser Weg: dass Zustände nicht zwingend aufeinander warten. Dass das Neue nicht erst beginnt, wenn das Alte verschwunden ist. Dass vieles gleichzeitig existieren kann, ohne sich zu widersprechen.

Ich gehe weiter.

Die Jacke offen. Die Kapuze verschwindet. Auch die Handschuhe. Der Körper reagiert schneller als der Kopf. Er versteht den Wechsel sofort. Er passt sich an. Diskussionslos. Die Gedanken brauchen länger. Sie hängen noch oben fest, im Weiss, in dieser Klarheit, die der Winter mit sich bringt. Und gleichzeitig lassen sie sich schon anziehen von diesem ersten Grün, von dieser leichten Unordnung des Frühlings, die alles ein wenig unpräziser, lebendiger macht.

Das ist der eigentliche Übergang. Nicht der Weg. Nicht die Höhe. Dieses innere Nachziehen. Dieses langsame Umschalten, während die Welt draussen längst entschieden hat. Kein grosser Moment. Kein Aha. Eher ein leises Einverständnis.

Es darf beides sein.

Oben die Ruhe, die Klarheit, die Strenge. Unten das Wachsen, das Aufbrechen, das Unfertige. Und ich dazwischen, unterwegs, ohne mich entscheiden zu müssen, wohin ich gehöre. Dunge isch scho Früehlig. Und dobe? Dobe wartet der Winter. Geduldig. Unbeeindruckt.

ls hätte er alle Zeit der Welt.

 
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Wetter Daniel Frei Wetter Daniel Frei

Nachschnee.

Ende März. Der Winter hätte längst abtreten sollen, können, dürfen. Die Saison sich leise verabschieden. Stattdessen fällt noch einmal Schnee, schwer, dicht, unablässig. Mürren merkt, dass der Winter nicht einfach geht, wenn man es beschlossen hat.

Ende März. Der Winter hätte längst abtreten sollen, können, dürfen. Die Saison sich leise verabschieden. Stattdessen fällt noch einmal Schnee, schwer, dicht, unablässig. Mürren hält inne zwischen Abschluss und Übergang. Und merkt, dass der Winter nicht einfach geht, wenn man es beschlossen hat.

MRRN: "Nachschnee". Fotografie: Daniel Frei

Ich weiss nicht, ob Nachschnee das richtige Wort ist, es ist sicher nicht mürrnerisch, das steht fest. Es klingt zu leicht für das, was hier gerade passiert. Nach einem Rest, nach einem höflichen Anhang. Aber das hier ist kein Anhang. Es ist ein erneutes Setzen, ein Beharren, ein Winter, der sich noch einmal vollständig ausbreitet, als hätte niemand ihm gesagt, dass seine Zeit vorbei ist.

Seit 48 Stunden fällt er. Ohne Pause. Auch ohne Dramatik. Aber mit Konsequenz und Ausdauer. Flocke für Flocke, Schicht um Schicht. Fünfzig Zentimeter, vielleicht ein Meter. Es kommt darauf an, wen man fragt und wie man schaut und wo man steht und geht. Optimismus und Pessimismus lassen sich hier in Zentimetern messen. Aber nüchtern lässt er niemanden.

Die Geräusche gedämpft. Der Nebel liegt tief, manchmal reisst er kurz auf, um einen Blick zu gewähren und um ihn einem gleich wieder zu nehmen. Die Sonne versucht es, zaghaft, fast schüchtern. Sie spienzelt durch die dichte Luft, ohne je wirklich durchzukommen. Es bleibt ein diffuses Licht, das keinen Anfang und kein Ende kennt.

Rund um das Dorf lösen sich die Hänge. Lawinen donnern ins Tal, manche von Menschen angestossen, viele von selbst. Es ist ein tiefes Grollen, das nicht erschreckt, sondern erinnert. An Kräfte, die hier immer da sind, auch wenn sie den ganzen Winter über gezähmt erscheinen.

Es wird nicht mehr gefräst. Kein sauberes Aufziehen der Wege, keine Perfektion mehr. Würde man jetzt eingreifen, würde sich der Schnee setzen, sich verwandeln, zu Eis werden. Eine falsche Bewegung, und das ganze Dorf wäre eine einzige Fläche, hart und unnachgiebig. Also lässt man ihn liegen, bewegt ihn nur dort, wo es sein muss. Schaufeln, wischen, immer wieder. Ein leiser, stetiger Kampf gegen das, was sich ablagern will. Sisyphus? Beileibe.

Drinnen sitzen oder draussen arbeiten. Dazwischen gibt es wenig. Die Gänge durchs Dorf sind leer, fast zögerlich. Wenige Gäste noch. Die Saison ist im Auslaufen, nicht offiziell, aber spürbar. Ein Schub, ein Mupf wird noch kommen zu Ostern. Dann ist Schluss. Die Betriebe schliessen, zwei Wochen, vier Wochen. Durchatmen. Weggehen. Oder einfach bleiben und nichts mehr müssen. Oder putzen, sanieren, bauen.

Eigentlich haben die meisten genug. Vom Winter. Von der Wiederholung. Vom Rhythmus der Saison. Man spürt es in den Gesprächen, in den Bewegungen, in der Art, wie geschaufelt wird. Nicht mehr mit Eifer, sondern mit Notwendigkeit.

Und doch liegt darin etwas Eigenartiges. Eine Ruhe, die nur entsteht, wenn nichts mehr erwartet wird. Wenn das Ende klar ist, aber noch nicht eingetreten. Der Nachschnee, wenn es denn einer ist, legt sich über alles wie ein letzter Gedanke, der nicht mehr diskutiert wird.

Die Tächi kommen näher. Sie streifen durchs Dorf, suchen, finden, was übrig geblieben ist, im Moment frech zwischen Abegglen und Supermarkt. Auch sie wissen offenbar, dass sich etwas verschiebt. Dass die Ordnung der Saison sich auflöst und für einen Moment alles offener wird.

Und so schneit es weiter. Ohne Ziel. Ohne Botschaft. Einfach, weil es noch kann. Der Moment, in dem man versteht, dass Übergänge keine klaren Linien sind. Kein Schnitt zwischen Winter und Frühling, kein sauberes Ende. Aber ein Zustand, in dem beides gleichzeitig da ist und alles noch unbestätigt und sich verschiebend. Müdigkeit und Schönheit. Abschluss und Beharren.

Nachschnee. Vielleicht ist das Wort doch richtig. Nicht, weil es klein wäre. Sondern weil es zeigt, dass selbst am Ende noch etwas kommt. Nicht geplant, nicht bestellt. Einfach da.

 
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