Mürren mon Amour
Zwischen Höhenluft und Herz
Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, als Zwischenort, als Möglichkeit.
1. August.
Mürren trägt heute Schweiz.
Mürren trägt heute Schweiz.
An Balkonen, Hauswänden und Zäunen hängen Fahnen, Girlanden und andere Zeichen der Zugehörigkeit. Ob das Patriotismus ist oder Folklore, lässt sich von aussen weder beobachten noch entscheiden. Man muss es auch nicht.
Das Dorf: geschmückt.
Rot und Weiss an den Häusern. Kleine Fahnen in Blumenkästen. Girlanden über Eingängen. Stoff, Papier, Kunststoff. Die Schweiz in verschiedenen Formaten.
Manche Dekorationen hängen vermutlich jedes Jahr am selben Ort. Andere wurden eigens für heute hervorgeholt. Zusammen ergeben sie ein Dorf, das für einen Tag etwas deutlicher sagt, wo es liegt.
Oder wozu es gehören möchte.
Patriotismus ist ein grosses Wort. Folklore das etwas bequemere. In Mürren liegen beide nahe beieinander.
Die Fahne kann Bekenntnis sein. Gewohnheit. Gastfreundschaft. Dekoration. Erinnerung. Oder schlicht etwas, das am 1. August dazugehört, wie Feuer, Musik und der Geruch von Grilliertem.
Zugehörigkeit beginnt ohnehin selten mit einer klaren Überzeugung. Dafür mit Wiederholung.
Mit demselben Fest.
Denselben Farben.
Denselben Liedern, selbst wenn nicht mehr alle mitsingen.
Am Abend werden die Girlanden im Wind hängen, die Fahnen vor den dunklen Bergen leuchten und irgendwo wird jemand erklären, was die Schweiz ausmacht.
Das Dorf hat seine Antwort bereits aufgehängt.
Allenthalben.
Und ein wenig schief.
Liebesspiel.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Zwei zitronengelbe Schmetterlinge umflogen sich über der Wiese. Mit heftigem Flügelschlag stiegen sie im warmen Aufwind hoch, stiessen gegeneinander, trennten sich, fielen wieder ab und fanden sich kurz darauf von Neuem.
Ein Liebesspiel aus Annäherung, Flucht, Angriff und Rückkehr.
Es sah nicht besonders friedlich aus. Eher nach einer Beziehung, die bereits eine gemeinsame Geschichte hatte.
Ich blieb stehen und schaute zu.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie. Bei Schmetterlingen nennt man es Naturbeobachtung und darf sogar die Kamera holen.
Als ich zurückkam, waren sie verschwunden.
Wolkenkratzer.
Das Wort Wolkenkratzer stammt vermutlich aus einer Zeit, als Architekten noch Ehrfurcht vor Höhe hatten.
Wolkenkratzer
Das Wort Wolkenkratzer stammt vermutlich aus einer Zeit, als Architekten noch Ehrfurcht vor Höhe hatten. Heute bezeichnet es ein Gebäude mit vielen Stockwerken.
Im Lauterbrunnental, darob, in Mürren, erhält der Begriff Wolkenkratzer seine ursprüngliche Bedeutung. Eiger, Mönch und Jungfrau kratzen tatsächlich an den Wolken. Manchmal sogar mitten hindurch.
An guten Tagen hängen einzelne Wolkenfetzen an Graten und Felswänden fest, als hätten sie dort kurz pausiert. Die umliegenden Gipfel erfüllen damit die wichtigste Voraussetzung eines Wolkenkratzers deutlich zuverlässiger als die meisten Hochhäuser dieser Welt.
Ein weiterer Unterschied fällt auf.
Die Berge verfügen über keine Lobby. Keine Rezeption. Keine Tiefgarage. Keine Eigentumswohnungen. Keine Servicelifte. Keine Penthouse-Magazine. Trotzdem sind sie höher. Deutlich höher. M
an könnte argumentieren, dass die Architekten ihrer Zeit den Begriff genau hier hätten finden können. Sie blickten auf einen Berg. Später bauten sie ein Hochhaus. Und nannten es nach dem Original.
Die Berge haben sich dazu bisher nicht geäussert.
Sie stehen weiterhin dort. Noch die einzigen echten Wolkenkratzer in der Gegend.
Salat.
In Mürren lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.
Jeden Frühling beginnt in Mürren eine der unterschätztesten Produktionen des Dorfes. Nicht auf Baustellen, Skipisten oder Hotelterrassen. Im Nachbargarten. Dort wächst Salat.
Direkt nebenan beginnt jedes Jahr dasselbe Schauspiel. In Nachbars Garten, wo nicht nur das Gras grüner ist. Zuerst erscheinen einige kleine grüne Pflänzchen. Unauffällig. Harmlos. Verletzlich. Niemand würde vermuten, dass daraus wenige Wochen später ein ausgewachsener Konflikt entsteht.
Denn kaum ist der Salat gesetzt, spricht sich die Neuigkeit herum. Die Schnecken erfahren davon. Die Gämsen auch. Diverse Vögel scheinen ebenfalls informiert zu werden.
Und von diesem Moment an lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.
Zäune werden errichtet. Netze gespannt. Regelmässige Kontrollen durchgeführt. Verdächtige Bewegungen und Spuren registriert. Der Salat selbst beteiligt sich nicht an den Diskussionen. Er wächst weiter. Tag für Tag. Blatt für Blatt. Während ringsherum ein stiller Kampf um seine Zukunft geführt wird.
Die Gämsen verfolgen dabei eine eher direkte Strategie. Sie würden die Angelegenheit gerne an Ort und Stelle erledigen.
Die Schnecken arbeiten subtiler. Sie erscheinen meist nachts. Wie viele erfolgreiche Organisationen.
Trotzdem gelingt es meinen Nachbarn jedes Jahr wieder, eine beachtliche Ernte durchzubringen. Irgendwann stehen dort Reihen von Salatköpfen. Frisch. Grün. Vollständig. Ein kleiner Erfolg der lokalen Landwirtschaft.
Kurz darauf verschwinden sie wieder.
Nicht wegen der Gämsen. Nicht wegen der Schnecken. Sondern weil sie ihren letzten Bestimmungsort erreichen. Die Restaurants des Dorfes. Dort landen sie auf Tellern, begleitet von freundlichen Gesprächen und dem Eindruck, frischer könne Salat kaum sein. Was meistens stimmt. Zwischen Beet und Mittagessen liegen oft nur wenige Stunden.
Wer die Geschichte kennt, betrachtet den Salat danach etwas anders.
Weniger als Beilage. Mehr als Überlebender.
Fernsicht.
Man muss manchmal sehr weit reisen, um etwas zu sehen.
Man muss manchmal sehr weit reisen, um etwas zu sehen.
Eine Frau reist von den Philippinen nach Mürren. Sie schaut ins Tal und beginnt zu weinen. Millionen Menschen sehen später das Video. Ich sehe währenddessen denselben Blick aus dem Fenster.
Der Unterschied liegt vermutlich nicht in der Aussicht. Sondern in der Entfernung. Man muss manchmal sehr weit reisen, um etwas zu sehen. Und manchmal genügt ein Schritt auf den Balkon.
Beides gelingt nicht jeden Tag.
Tannengrün.
Die Farbpalette des Dorfes ist überschaubar. Braun. Grau. Verwittert. Und dann steht da dieses Haus.
Die Farbpalette des Dorfes ist überschaubar. Braun. Grau. Verwittert. Und dann steht da dieses Haus.
Mürren ist an und für sich kein bunter Ort. Holz vergraut hier langsam wie bestimmt. Dächer werden dunkler. Fassaden altern. Winter, Wind und Sonne hinterlassen gewollte Spuren. Die Farbpalette des Dorfes ist überschaubar. Braun. Grau. Verwittert. Und dann steht da dieses Haus. An der Flanke oberhalb des Dorfes. Früher Bellevue. Jetzt Drei Berge.
Tannengrün.
Nicht das Grün eines frisch gestrichenen Gartenzauns. Eher das Grün eines Waldes nach einem Regenschauer oder im Morgendunst. Als die Farbe zum ersten Mal auftauchte, wirkte sie beinahe fremd. Ungewohnt. Nicht laut. Ein Haus, das sich nicht versteckte.
Ich laufe fast täglich daran vorbei.
Das Interessante ist nicht die Farbe selbst. Interessant ist, was danach geschah. Das Auge gewöhnte sich daran. Langsam. Unbemerkt. Heute gehört das Haus zum Dorf, als wäre es schon immer dort gewesen. Und dann frage ich mich, ob gute Gestaltung genau das macht. Nicht Aufmerksamkeit erzeugen. Neue Selbstverständlichkeiten schaffen.
Die Berge haben sich dazu nie geäussert.
Eiger, Mönch und Jungfrau betrachten die Angelegenheit mit der ihnen eigenen Gelassenheit. Das Haus steht weiterhin da. Tannengrün. Oder ist es doch Moosgrün? Still. Und an manchen Tagen scheint es, als hätte Mürren eine zusätzliche Farbe erhalten.
Graustufen.
Nach Sonne, Hitze und Aussicht zeigt sich Mürren heute in Graustufen. Nicht alle bedauern das.
Nach Sonne, Hitze und Aussicht zeigt sich Mürren heute in Graustufen. Nebel zieht durchs Dorf. Regen fällt auf Dächer und Wiesen. Der Wind übernimmt die Strassen. Nicht alle bedauern das.
Der Tag beginnt in verschiedenen Schattierungen von Grau. Die Berge sind nahezu verschwunden. So auch das Tal. Selbst die vertrauten Orientierungspunkte tauchen nur noch gelegentlich aus dem Nebel auf, bevor sie wieder verschwinden.
Regen fällt auf Dächer, Balkone und Wanderwege. Der Wind zieht durch die Bäume. Die Fahnen haben wieder etwas zu tun. Nach den vergangenen Wochen wirkt das ungewohnt.
Die Sonne hatte Überstunden geleistet. Tag für Tag. Woche für Woche. Mit ihr kamen die Gäste. Die Wandernden. Die Fotografierenden. Die Terrassenbesetzer. Die Aussichtssuchenden.
Heute macht alles eine kleine Pause. Die Fernsicht ebenfalls.
Niemand fotografiert einen Nebelvorhang mit derselben Begeisterung wie Eiger, Mönch und Jungfrau. Darin liegt ein Reiz. Der Nebel verlangt nichts. Er will nicht beeindrucken. Er verdeckt mehr, als er zeigt.
Das ist eine Wohltat. Das Dorf leiser. Die Wege leerer. Die Bewegungen langsamer. Die Landschaft tritt einen Schritt zurück. Für ein paar Stunden genügt es, dass sie einfach da ist. Grau. Kühl. Nass. Windig.
Luftgespräche.
Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Die wenigsten schweben lautlos durch die Landschaft.
Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Manche schweben lautlos durch die Landschaft. Andere führen währenddessen Gespräche. Über das Mittagessen. Über die Ferien. Über das Wetter. Über alles Mögliche.
Von meinem Fenster aus kann ich sie beobachten. Sie kommen von der Schilthornseite. Von Birg. Von Mürren. Einige ziehen lautlos vorbei. Die meisten sprechen. Manchmal höre ich nur einzelne Wörter. Manchmal ganze Sätze. «Und links sieht man jetzt …», «Wow.», «Das ist unglaublich.», «Hast du die Kühe gesehen?»
Oder: «Nachher gehen wir noch etwas essen.» Die letzten Meter eines Fluges scheinen für manche Menschen ein guter Moment zu sein, um Pläne für das Mittagessen zu schmieden.
Das fasziniert mich.
Da schwebt man mehrere hundert Meter über dem Lauterbrunnental. Vor einem Eiger, Mönch und Jungfrau. Unter einem die Wiesen. Die Wälder. Die Wasserfälle.
Und trotzdem bleibt genug Raum für Small Talk.
Die eigentliche Leistung des Menschen. Er nimmt sich selbst überallhin mit. Auf Berge. Auf Schiffe. In Flugzeuge. Und offenbar auch unter Gleitschirme.
Die Landschaft erhält dadurch etwas Beruhigendes. Sie muss nicht konstant beeindrucken. Sie darf einfach da sein. Während zwei Menschen über Rösti sprechen. Oder über Kuchen. Oder über die Frage, ob es morgen regnen wird. Oder wie die Schweiz gefällt.
Manchmal hebt jemand die Hand und grüsst auf eine Terrasse hinunter. Gelegentlich wird sogar «En Guete!» gewünscht. Dann gleitet der Schirm weiter Richtung Stechelberg. Das Gespräch ebenfalls.
Das gefällt mir an diesen Luftgesprächen. Die Berge gewinnen zwar fast immer. Aber sie müssen nicht jedes Mal recht behalten.
Gewitter.
Oberhalb von Mürren ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel schliesst langsam seine Türen.
Oberhalb von Mürren ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel schliesst langsam seine Türen. Nach Tagen voller Sonne und Hitze kündigt sich eine kurze Unterbrechung an.
Seit dem Mittag verändert sich das Licht. Erst kaum sichtbar. Dann immer deutlicher. Über dem Lauterbrunnental sammeln sich Wolken. Hellgrau. Dunkelgrau. Weiss. Schicht um Schicht. Die letzten blauen Stellen verschwinden.
Der Wind zieht an. Die Bäume, Sträucher, Halme beginnen sich in seinem Rhythmus zu bewegen. Nicht hektisch. So, als würden sie sich auf etwas vorbereiten.
Auf den Terrassen wird aufgeräumt, die Sonnenschirme zusammengeklappt. Jacken tauchen wieder auf. Einzelne Gäste schauen zum Himmel und prüfen ihre Wetter-Apps. Andere vertrauen weiterhin ihrem Optimismus. Anderen ist es egal. Er kommt wie er kommt.
Die ersten Tropfen fallen. Noch weit voneinander entfernt. Dann ein paar mehr. Nach den vergangenen Tagen wirkt das ungewohnt. Die Hitze macht Pause.
Die Wiesen bekommen etwas Wasser. Die Dächer ebenfalls. Und Eiger, Mönch, Schwarzmönch und Jungfrau verschwinden langsam hinter einem Vorhang aus Nebel und Regen.
Für ein paar Momente übernimmt das Gewitter die Regie.
Congé de chaleur.
«Congé de chaleur» : Zahlreiche Betroffene haben den Weg nach Mürren gefunden.
In mehreren Westschweizer Kantonen wurde in diesen Tagen der sogenannte «Congé de chaleur» ausgerufen. Zahlreiche Betroffene haben daraufhin den Weg nach Mürren gefunden.
Amtliche Mitteilung
Die Gemeinde Mürren informiert, dass sich derzeit eine erhöhte Anzahl Hitzeflüchtlinge im Dorf aufhält. Betroffen sind insbesondere Personen aus Genf, Lausanne, Montreux, Sitten, Bern, Basel, Zürich sowie weiteren Gebieten des Flachlands.
Die Anreise erfolgt meist mit Rollkoffern, Sonnenbrillen und dem festen Vorsatz, für einige Tage nicht zu schwitzen. Die Lage bleibt angespannt.
Während im Unterland Temperaturen von deutlich über dreissig Grad gemeldet werden, bewegen sich die Werte in Mürren weiterhin in einem Bereich, der von den Betroffenen als «vernünftig» bezeichnet wird.
Erste Ankommende wurden bereits dabei beobachtet, wie sie nach ihrer Ankunft mehrfach tief einatmeten und dabei Sätze äusserten wie:
«Ah.»
oder
«Endlich.»
Die lokalen Behörden sehen derzeit keinen Anlass zur Sorge. Die Versorgung mit frischer Luft bleibt gewährleistet. Auch Schatten steht weiterhin in ausreichender Menge zur Verfügung. Besonders gefährdete Personen halten sich bevorzugt auf Hotelterrassen, Wanderwegen sowie in der Nähe von Brunnen auf.
Der Aufenthalt erfolgt meist friedlich. Gelegentlich kommt es zu spontanen Äusserungen der Dankbarkeit gegenüber Wolken. Für die kommenden Tage wird mit weiteren Ankünften gerechnet.
Die Bevölkerung wird gebeten, den Neuankömmlingen mit Verständnis zu begegnen. Viele von ihnen haben Temperaturen überlebt, die unter normalen alpinen Bedingungen als unnötig gelten. Die Situation wird laufend beobachtet. Solange die Hitzewelle andauert.
Und solange Mürren über genügend Frischluftreserven verfügt.
Summen.
In Mürren lernt man auch, die Berge mit den Ohren zu lesen. Das Dorf besitzt eine eigene Tonspur.
In Mürren lernt man auch, die Berge mit den Ohren zu lesen. Das Dorf besitzt eine eigene Tonspur. Aus Bahnen, Transformatoren, Bienen, einer Menge von Dingen, die summen.
Mürren ist ein Ort der Aussicht. Man hört und liest das ständig. Über das Hören aber spricht kaum jemand. Dabei besitzt das Dorf eine bemerkenswert eigene Geräuschkulisse. Man muss nur kurz stehen bleiben.
Am Morgen beginnt es meist mit den Bienen und Fliegen. Auf den blühenden Wiesen im und um das Dorf hängt ein gleichmässiges Summen in der Luft. Flächig. Als hätte jemand einen unsichtbaren Lautsprecher zwischen die Blumen gestellt. Je wärmer der Tag wird, desto dichter wird der Klang.
Wer regelmässig spazieren geht, beginnt irgendwann zu unterscheiden. Bienen summen anders als Fliegen. Hummeln nochmals anders. Manche Insekten klingen beinahe wie kleine Elektromotoren auf Irrwegen.
Und dann gibt es da die Bahnen.
Das Summen der BLM ist nicht dasselbe wie das der Schilthornbahn. Beide bewegen Menschen den Berg hinauf und hinunter, aber sie tun es mit unterschiedlichen Stimmen. Wer zuhört, erkennt am Geräusch, welche Bahn gerade unterwegs ist.
Dazwischen liegt das Summen der Infrastruktur.
Transformatoren. Technikräume. Elektrizität. Weidezäune. Ein tiefes, stetiges Brummen, das man erst wahrnimmt, wenn das andere kurz still wird. Und interessanterweise fällt einem das erst auf, wenn man beginnt, darauf zu achten. Danach hört man es überall. Mürren besitzt damit eine Art inoffizielles Orchester. Keine Alphörner. Keine Kuhglocken. Nicht heute Morgen. Noch nicht.
Stattdessen Rotoren, Kabel, Bahnen, Bienen und Insekten. Die Berge liefern die Kulisse. Den Rest erledigt das Summen.
Auf meinem Morgenspaziergang begleitet es mich mittlerweile. Mal näher, mal weiter entfernt. Mal von einer Wiese. Mal von einer Bahn. Mal aus einem unscheinbaren grauen Kasten am Wegrand.
Man wird hier oben mit der Zeit nicht nur Berggänger.
Auch Akustiker.
Arbeitspferde.
In anderen Regionen ziehen Arbeitspferde Wagen, Pflüge und Holzstämme. In Mürren tragen sie die Kennung HB-ZUZ.
In anderen Regionen ziehen Arbeitspferde Wagen, Pflüge und Holzstämme. In Mürren tragen sie die Kennung HB-ZUZ, haben fünf Rotorblätter und verbringen ihren Arbeitstag zwischen Felswand, Baustelle und Bergstation.
Wer einige Momente in Mürren verbringt, beginnt sie irgendwann zu unterscheiden. Nicht die Hotels. Nicht die Berge. Die Helikopter. Erst sind sie einfach da. Ein Geräusch am Morgen. Ein Schatten über dem Dorf. Ein kurzer Blick zum Himmel. Später erkennt man ihre Aufgaben. Einer bringt Material auf eine Baustelle. Ein anderer versorgt eine Alphütte. Ein Dritter fliegt Beton, Holz oder Stahl durch das Tal. Manchmal transportieren sie Lasten, die auf keinem Wanderweg und auf keiner Strasse jemals ihr Ziel erreichen würden.
Von unten sieht das erstaunlich leicht aus. Ein paar Gurten. Eine Palette. Ein Container. Dann hebt der Helikopter ab und verschwindet hinter einer Felswand. Wenige Minuten später kehrt er zurück.
Und wieder.
Und wieder.
Wie ein Arbeitspferd.
Die Berge des Berner Oberlands funktionieren zu einem Teil über diese fliegende Infrastruktur. Häuser werden gebaut. Dächer repariert. Material transportiert. Lawinenverbauungen erstellt. Stromleitungen ersetzt. Menschen gerettet. Vieles davon geschieht ausserhalb des Blickfelds der meisten Gäste. Sichtbar wird meist nur der Flug.
Unsichtbar bleibt die Arbeit.
Wer länger hier lebt, beginnt, die Helikopter anders wahrzunehmen. Weniger als Attraktion. Mehr als Teil des Dorfes.
Wie die BLM.
Wie die Schilthornbahn.
Wie die Post.
Man hört sie morgens im Tal. Mittags über den Felswänden. Abends auf dem Rückflug nach Lauterbrunnen. Sie gehören zur Geräuschkulisse der Berge. Unromantisch. Unspektakulär. Einfach notwendig.
Der Airbus H125 mit der Kennung HB-ZUZ gehört zu diesen Arbeitspferden.
Ein leichter Mehrzweckhelikopter, gebaut für genau solche Orte. Für Lasten, die gehoben werden müssen. Für Hänge, die keine Strasse kennen. Für Einsätze, bei denen Zeit und Höhe eine Rolle spielen.
Die Tourismusplakate zeigen Aussicht. Die eigentliche Arbeit fliegt darüber hinweg. Rotorblatt für Rotorblatt.
Wolkenmeer.
Am frühen Morgen ist das Meer wieder da.
Am frühen Morgen ist das Meer wieder da.
Es liegt zwischen Stechelberg und Lauterbrunnen, weissgrau und lebendig. Mal ganz ruhig wie die spiegelglatte Wasseroberfläche des Thunersees, mal unruhig und aufgewühlt wie der Myrrenbach nach dem Unwetter.
Oben in Mürren berühren die ersten Sonnenstrahlen schon die Häuser, während unten im Tal alles unter einer dichten Decke verschwindet.
Einzelne Baumwipfel schauen heraus. Später tauchen für ein paar Minuten Dächer auf, bevor sie wieder verschwinden. Vom Terrassenrand aus wirkt das Tal plötzlich viel tiefer als sonst. Eher wie eine Küste.
Die Leute bleiben stehen. Manche fotografieren, andere zeigen einfach mit dem Finger Richtung Westen. Dann gehen sie ihrer Wege.
Gegen zehn Uhr bekommt das Wolkenmeer Risse. Die ganze Schicht bewegt sich langsam talabwärts. Hier schaut eine grüne Wiese hervor, dort ein Stück Strasse. Kurz darauf steht plötzlich der Talboden frei da.
Das Meer zieht sich zurück.
In Mürren gehört so ein Morgen zum Alltag. Man sollte meinen, man gewöhnt sich daran. Tut man aber nicht. Immer wieder bleibt man stehen und schaut.
Dieses Wolkenmeer macht etwas ganz Besonderes: Es verändert die Landschaft nicht wirklich und es verändert doch komplett, wie wir sie wahrnehmen. Auf einmal liegt Mürren nicht mehr hoch über einem Tal, sondern hoch über einer weiten Oberfläche.
Ein Dorf am Meer.
Nur die Schiffe und die Möwen fehlen. Ansonsten ist die Illusion perfekt.
Gegen Mittag ist alles vorbei. Wanderer ziehen über die Wege, und die Wiesen liegen wieder da, wo sie hingehören.
Zurück bleiben nur die Postkarten und das Erleben darum, dass Mürren an manchen Tagen am Meer liegt.
Regen.
Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf.
Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf.
Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf. Es donnert. Er grollt. Der Blitz zuckt.
Die Wege glänzen. Die Geländer auch. Wieder. Auf den Fensterbänken sammeln sich kleine Bäche. Aus den Dachrinnen schiesst Wasser. Der Nebel hängt zwischen Berg und Haus.
Die Pollen erleben einen schwierigen Tag. Eine grandiose Niederlage auf ganzer Linie.
Wochenlang schwebten sie nahezu ungestört durch die Luft. Jetzt kleben sie an Fenstern, Autos, Terrassentischen und Wanderwegweisern. Vieles, was gestern noch unsichtbar war, läuft heute als braune Spur durch die Böden, über die Flueh, unausweichlich Richtung Tal.
Auch die Wiesen bekommen eine Pause. Der Boden war stellenweise bereits erstaunlich trocken für Ende Frühling, Anfang Sommer. Die Frühlingssonne hatte in diesem Jahr erneut Überstunden geleistet.
Jetzt aber riecht das Dorf wieder nach nassem Holz, Erde und Gras.
Die Jungfrau verschwunden. Auch der Schwarzmönch: Adieu.
Niemand stört sich daran. Nach den letzten Wochen wirkt die fehlende Aussicht erholsam.
Pollen.
Die Berge sind gestochen scharf. Die Augen vieler nicht.
Die Berge sind gestochen scharf. Die Augen vieler nicht.
Seit einigen Wochen verhält sich Mürren leicht aggressiv.
Die Wiesen stehen in voller Blüte. Auch die Aussicht.
Wanderer bleiben kurz stehen, niesen zweimal und gehen weiter.
Die Berge sind gestochen scharf.
Die Augen vieler Gäste nicht.
Bemerkenswert ist die Gleichzeitigkeit der Dinge. Das Dorf sieht momentan aus wie auf einem Tourismusplakat. Tiefblauer Himmel. Saftige Wiesen. Perfekte Fernsicht. Dazwischen hunderte Menschen, die versuchen herauszufinden, ob das Jucken vom linken oder vom rechten Auge ausgeht.
Die Gräser leisten ganze Arbeit.
Man sieht ihnen nichts an. Sie stehen friedlich oberhalb des Dorfes. Leicht bewegt vom Wind. Dekorativ. Gleichzeitig produzieren sie eine Atmosphäre, die man weder fotografieren noch besonders gut beschreiben kann.
Aber einatmen.
Der Sommer kündigt sich nicht nur durch Wärme an. Sondern auch durch Histamin.
Regen ist angekündigt.
Das Dorf blickt dieser Entwicklung mit einer gewissen Hoffnung entgegen. Die Gräser vermutlich weniger.
Bis dahin bleibt die Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau ausgezeichnet.
Die Sicht durch die eigenen Augen wetterabhängig.
Sturm.
Der Sonnenschirm ist jetzt anderswo.
Der Sonnenschirm ist jetzt anderswo.
Sturm. Fotografie: Christian Weber.
Der Sonnenschirm wurde weggeweht. Die letzte Aufnahme zeigt ihn geöffnet an der Kante. Dahinter nur Tal.
Gefunden wurde er nicht mehr.
Die Sonne scheint weiterhin direkt auf die Terrasse.
Rauch.
Kurz nach Mittag hing Rauch über der Grütschalp.
Kurz nach Mittag hing Rauch über der Grütschalp.
Ein Helikopter flog Material und Wasser ins Waldgebiet. Auf der Hotelterrasse wurden weiterhin Coupen serviert.
3825
Alles funktionierte sofort wieder. Das machte es etwas seltsam.
Die Rückkehr begann nicht draussen, sondern im Innenraum. Im Summen eines Kühlschranks, im Geruch von Reinigungsmittel, im Kalk auf Metall. Alles funktionierte sofort wieder. Das machte es etwas seltsam.
Der Kühlschrank lief die ganze Nacht. Nicht laut. Aber genug.
Im Gang standen die Schuhe noch dort, wo sie am Vorabend hingestellt worden waren. Unter der linken Sohle ein heller Rand auf dem dunklen Boden. Trocken. Im Badezimmer Kalk am Wasserhahn. Draussen Nebel. Die Berge erschienen kurz zwischen den Häusern und verschwanden wieder. Kein Wetterwechsel. Nur Sicht.
Der Zug unten im Tal war zu hören. Danach wieder nichts.
Die Wohnung funktionierte sofort. Licht. Wasserkocher. Steckdosen. Alles reagierte ohne Verzögerung. Bewegungen fanden zurück in alte Abläufe. Jacke auf dem Stuhl.
Morgens in den Coop. Im Laden roch es nach Brot und Reinigungsmittel. Jemand diskutierte vor dem Gemüse über das Wetter.
Später wieder draussen.
Geländer kalt. Holz trocken. Schattenseite noch voll Tau.
Oben.
Unten.
Rechts.
Links.
Alles wieder eindeutig. Der Berg ebenfalls.
Am Abend sprang die Heizung an. Kurz Geräusche in der Wand. Danach wieder dieses gleichmässige Summen des Kühlschranks. Die Jacke noch immer auf dem Stuhl.
Salz und Schnee.
Schnee fällt. Salz bleibt zurück. Das eine deckt zu. Das andere dringt ein.
Schnee fällt. Salz bleibt zurück. Von weitem wirken beide weich und fast lautlos. Erst auf Metall, Stoff, Haut oder Asphalt zeigt sich, wie unterschiedlich sie arbeiten. Das eine deckt zu. Das andere dringt ein.
Beide machen Oberflächen heller. Der Unterschied zeigt sich später. Schnee fällt geräuschlos. Salz entsteht durch Rückzug. Wasser verschwindet. Etwas bleibt zurück.
Auf schwarzen Jacken sehen beide zunächst ähnlich aus. Kleine helle Partikel auf Stoff. Erst beim Darüberfahren mit den Fingern wird der Unterschied klar. Schnee schmilzt. Salz kratzt.
Im Winter liegt eine dünne Schicht auf den Treppen vor dem Haus. Schnee am Morgen. Salz eine Stunde später. Das eine deckt zu, das andere greift an. Geländer reagieren sofort. Schnee macht Metall kalt. Salz macht es stumpf.
Auf Autos bildet sich derselbe matte Film wie am Meer. Trockene Ränder an Türen, Rückstände auf Scheiben, feine helle Linien entlang der Karosserie. Die Luft arbeitet mit.
Schnee verändert Geräusche. Verkehr wird leiser. Schritte dumpfer. Räume kleiner. Alles wirkt gedämpft, selbst Stimmen.
Salz macht das Gegenteil. Es knirscht. Unter Schuhen. Zwischen Steinplatten. Auf Asphalt. Es erzeugt Reibung. Selbst trockene Hände beginnen irgendwann danach zu klingen.
Am Meer bleibt Salz auf der Haut zurück. In den Bergen Schnee an den Schuhen. Auf Hosenrändern. Auf dem Boden im Gang. Kleine weisse Spuren, die sich in der Wohnung verteilen.
Beides trocknet aus. Lippen. Hände. Holz.
Im Winter springen Heizungen an, während draussen Schnee liegt. Am Meer trocknet Wind die Haut, obwohl überall Wasser ist. Zwei verschiedene Systeme. Dasselbe Resultat.
Licht verhält sich ähnlich. Schnee überbelichtet Landschaften von unten. Salzflächen machen fast dasselbe. Konturen verlieren Schärfe. Übergänge werden flacher. Der Blick beginnt, Details zu verlieren.
Von weitem wirken beide weich. Nicht aus der Nähe.
Schnee bricht Äste. Salz frisst Metall. Dächer geben nach. Reissverschlüsse ebenfalls. Nichts daran wirkt aggressiv. Bis die Spuren sichtbar werden.
Am Abend trocknen Schuhe neben der Heizung. Eine helle Linie bleibt am schwarzen Rand der Sohle zurück.
Man weiss nicht mehr genau, woher sie stammt.
Soleïade.
Ich dachte, Zeit entstehe durch Veränderung. Am Meer verliert diese Vorstellung ihre Autorität.
Ich dachte, Zeit entstehe durch Veränderung. Durch Übergänge, Bewegungen, Ereignisse. Am Meer verliert diese Vorstellung ihre Autorität. Der Horizont verschiebt nichts, die Brandung erzählt nichts, die Fläche kennt keine Reihenfolge. Zeit läuft nicht mehr. Sie liegt über allem.
Zeit setzt nicht ein.
Sie ist da. Ohne Anfang, ohne Übergang, ohne Hinweis. Nichts markiert ihren Beginn. Kein Vorher, kein Danach. Kein Moment, der sich abhebt. Alles liegt gleichzeitig, ohne Ordnung, ohne Abfolge.
Es gibt keine Entwicklung. Nichts baut sich auf, nichts fällt zurück. Wiederholung ohne Unterschied. Bewegung ohne Spur. Das, was geschieht, unterscheidet sich nicht von dem, was zuvor war. Und nicht von dem, was folgt.
Der Horizont verändert sich nicht. Er verschiebt sich nicht, er kommt nicht näher, er entfernt sich nicht. Er bleibt, ohne Funktion. Eine Linie, die nichts trennt, nichts verbindet. Sie hält alles auf derselben Höhe, auf derselben Distanz.
Die Fläche trägt nichts ein. Kein Ereignis bleibt haften. Wasser, Luft, Salz. Alles bleibt, wie es ist. Keine Verdichtung, keine Auflösung. Kein Zeichen von Dauer, obwohl alles andauert.
Salz setzt sich ab und bleibt. Nicht als Spur, eher als Konstanz. Es verändert nichts, es bestätigt nur, dass nichts sich verändert. Luft bewegt sich, ohne etwas zu verschieben. Sie durchquert den Raum, ohne ihn zu verändern.
Wellen kommen. Brechen. Gehen. Ohne Anfang, ohne Ende. Sie wiederholen sich, ohne sich zu erinnern. Jede gleicht der anderen, ohne identisch zu sein. Es gibt keinen Punkt, an dem sie beginnen. Keinen, an dem sie abgeschlossen wären.
Der Blick sucht nach Reihenfolge. Nach einem ersten, einem nächsten, einem letzten. Er findet nichts. Alles ist gleichzeitig. Nichts steht vor, nichts folgt. Die Wahrnehmung läuft weiter, ohne etwas zu strukturieren.
Zeit läuft nicht.
Sie liegt. Sie geht nicht durch den Raum. Sie legt sich darüber. Über alles. Gleichmässig, ohne Verdichtung, ohne Lücken. Sie trägt nichts, sie löscht nichts. Sie lässt alles, wie es ist.
Erinnerung setzt an und findet keinen Halt. Kein Ereignis, an dem sie sich festmachen könnte. Kein Übergang, den sie markieren kann. Alles ist gleich weit entfernt. Gleich nah. Es gibt keinen nächsten Moment.
Keinen, der anders wäre.

