Soleïade.

Ich dachte, Zeit entstehe durch Veränderung. Durch Übergänge, Bewegungen, Ereignisse. Am Meer verliert diese Vorstellung ihre Autorität. Der Horizont verschiebt nichts, die Brandung erzählt nichts, die Fläche kennt keine Reihenfolge. Zeit läuft nicht mehr. Sie liegt über allem.

MRRN: Soleïade. Illustration: Daniel Frei

Soleïade. Illustration: Daniel Frei

Zeit setzt nicht ein.

Sie ist da. Ohne Anfang, ohne Übergang, ohne Hinweis. Nichts markiert ihren Beginn. Kein Vorher, kein Danach. Kein Moment, der sich abhebt. Alles liegt gleichzeitig, ohne Ordnung, ohne Abfolge.

Es gibt keine Entwicklung. Nichts baut sich auf, nichts fällt zurück. Wiederholung ohne Unterschied. Bewegung ohne Spur. Das, was geschieht, unterscheidet sich nicht von dem, was zuvor war. Und nicht von dem, was folgt.

Der Horizont verändert sich nicht. Er verschiebt sich nicht, er kommt nicht näher, er entfernt sich nicht. Er bleibt, ohne Funktion. Eine Linie, die nichts trennt, nichts verbindet. Sie hält alles auf derselben Höhe, auf derselben Distanz.

Die Fläche trägt nichts ein. Kein Ereignis bleibt haften. Wasser, Luft, Salz. Alles bleibt, wie es ist. Keine Verdichtung, keine Auflösung. Kein Zeichen von Dauer, obwohl alles andauert.

Salz setzt sich ab und bleibt. Nicht als Spur, eher als Konstanz. Es verändert nichts, es bestätigt nur, dass nichts sich verändert. Luft bewegt sich, ohne etwas zu verschieben. Sie durchquert den Raum, ohne ihn zu verändern.

Wellen kommen. Brechen. Gehen. Ohne Anfang, ohne Ende. Sie wiederholen sich, ohne sich zu erinnern. Jede gleicht der anderen, ohne identisch zu sein. Es gibt keinen Punkt, an dem sie beginnen. Keinen, an dem sie abgeschlossen wären.

Der Blick sucht nach Reihenfolge. Nach einem ersten, einem nächsten, einem letzten. Er findet nichts. Alles ist gleichzeitig. Nichts steht vor, nichts folgt. Die Wahrnehmung läuft weiter, ohne etwas zu strukturieren.

Zeit läuft nicht.

Sie liegt. Sie geht nicht durch den Raum. Sie legt sich darüber. Über alles. Gleichmässig, ohne Verdichtung, ohne Lücken. Sie trägt nichts, sie löscht nichts. Sie lässt alles, wie es ist.

Erinnerung setzt an und findet keinen Halt. Kein Ereignis, an dem sie sich festmachen könnte. Kein Übergang, den sie markieren kann. Alles ist gleich weit entfernt. Gleich nah. Es gibt keinen nächsten Moment.

Keinen, der anders wäre.

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Mal de débarquement.