Mürren

mon Amour

Zwischen Höhenluft und Herz

Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, als Zwischenort, als Möglichkeit.

 
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

3825

Alles funktionierte sofort wieder. Das machte es etwas seltsam.

Die Rückkehr begann nicht draussen, sondern im Innenraum. Im Summen eines Kühlschranks, im Geruch von Reinigungsmittel, im Kalk auf Metall. Alles funktionierte sofort wieder. Das machte es etwas seltsam.

MRRN 3825 Fotografie: Daniel Frei

Der Kühlschrank lief die ganze Nacht. Nicht laut. Aber genug.

Im Gang standen die Schuhe noch dort, wo sie am Vorabend hingestellt worden waren. Unter der linken Sohle ein heller Rand auf dem dunklen Boden. Trocken. Im Badezimmer Kalk am Wasserhahn. Draussen Nebel. Die Berge erschienen kurz zwischen den Häusern und verschwanden wieder. Kein Wetterwechsel. Nur Sicht.

Der Zug unten im Tal war zu hören. Danach wieder nichts.

Die Wohnung funktionierte sofort. Licht. Wasserkocher. Steckdosen. Alles reagierte ohne Verzögerung. Bewegungen fanden zurück in alte Abläufe. Jacke auf dem Stuhl.

Morgens in den Coop. Im Laden roch es nach Brot und Reinigungsmittel. Jemand diskutierte vor dem Gemüse über das Wetter.

Später wieder draussen.

Geländer kalt. Holz trocken. Schattenseite noch voll Tau.

Oben.
Unten.
Rechts.
Links.

Alles wieder eindeutig. Der Berg ebenfalls.

Am Abend sprang die Heizung an. Kurz Geräusche in der Wand. Danach wieder dieses gleichmässige Summen des Kühlschranks. Die Jacke noch immer auf dem Stuhl.

 
Weiterlesen
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Salz und Schnee.

Schnee fällt. Salz bleibt zurück. Das eine deckt zu. Das andere dringt ein.

Schnee fällt. Salz bleibt zurück. Von weitem wirken beide weich und fast lautlos. Erst auf Metall, Stoff, Haut oder Asphalt zeigt sich, wie unterschiedlich sie arbeiten. Das eine deckt zu. Das andere dringt ein.

Beide machen Oberflächen heller. Der Unterschied zeigt sich später. Schnee fällt geräuschlos. Salz entsteht durch Rückzug. Wasser verschwindet. Etwas bleibt zurück.

Auf schwarzen Jacken sehen beide zunächst ähnlich aus. Kleine helle Partikel auf Stoff. Erst beim Darüberfahren mit den Fingern wird der Unterschied klar. Schnee schmilzt. Salz kratzt.

Im Winter liegt eine dünne Schicht auf den Treppen vor dem Haus. Schnee am Morgen. Salz eine Stunde später. Das eine deckt zu, das andere greift an. Geländer reagieren sofort. Schnee macht Metall kalt. Salz macht es stumpf.

Auf Autos bildet sich derselbe matte Film wie am Meer. Trockene Ränder an Türen, Rückstände auf Scheiben, feine helle Linien entlang der Karosserie. Die Luft arbeitet mit.

Schnee verändert Geräusche. Verkehr wird leiser. Schritte dumpfer. Räume kleiner. Alles wirkt gedämpft, selbst Stimmen.

Salz macht das Gegenteil. Es knirscht. Unter Schuhen. Zwischen Steinplatten. Auf Asphalt. Es erzeugt Reibung. Selbst trockene Hände beginnen irgendwann danach zu klingen.

Am Meer bleibt Salz auf der Haut zurück. In den Bergen Schnee an den Schuhen. Auf Hosenrändern. Auf dem Boden im Gang. Kleine weisse Spuren, die sich in der Wohnung verteilen.

Beides trocknet aus. Lippen. Hände. Holz.

Im Winter springen Heizungen an, während draussen Schnee liegt. Am Meer trocknet Wind die Haut, obwohl überall Wasser ist. Zwei verschiedene Systeme. Dasselbe Resultat.

Licht verhält sich ähnlich. Schnee überbelichtet Landschaften von unten. Salzflächen machen fast dasselbe. Konturen verlieren Schärfe. Übergänge werden flacher. Der Blick beginnt, Details zu verlieren.

Von weitem wirken beide weich. Nicht aus der Nähe.

Schnee bricht Äste. Salz frisst Metall. Dächer geben nach. Reissverschlüsse ebenfalls. Nichts daran wirkt aggressiv. Bis die Spuren sichtbar werden.

Am Abend trocknen Schuhe neben der Heizung. Eine helle Linie bleibt am schwarzen Rand der Sohle zurück.

Man weiss nicht mehr genau, woher sie stammt.

→ «Salz und Schnee» als Druck im Shop kaufen.

 
Weiterlesen
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Soleïade.

Ich dachte, Zeit entstehe durch Veränderung. Am Meer verliert diese Vorstellung ihre Autorität.

Ich dachte, Zeit entstehe durch Veränderung. Durch Übergänge, Bewegungen, Ereignisse. Am Meer verliert diese Vorstellung ihre Autorität. Der Horizont verschiebt nichts, die Brandung erzählt nichts, die Fläche kennt keine Reihenfolge. Zeit läuft nicht mehr. Sie liegt über allem.

Zeit setzt nicht ein.

Sie ist da. Ohne Anfang, ohne Übergang, ohne Hinweis. Nichts markiert ihren Beginn. Kein Vorher, kein Danach. Kein Moment, der sich abhebt. Alles liegt gleichzeitig, ohne Ordnung, ohne Abfolge.

Es gibt keine Entwicklung. Nichts baut sich auf, nichts fällt zurück. Wiederholung ohne Unterschied. Bewegung ohne Spur. Das, was geschieht, unterscheidet sich nicht von dem, was zuvor war. Und nicht von dem, was folgt.

Der Horizont verändert sich nicht. Er verschiebt sich nicht, er kommt nicht näher, er entfernt sich nicht. Er bleibt, ohne Funktion. Eine Linie, die nichts trennt, nichts verbindet. Sie hält alles auf derselben Höhe, auf derselben Distanz.

Die Fläche trägt nichts ein. Kein Ereignis bleibt haften. Wasser, Luft, Salz. Alles bleibt, wie es ist. Keine Verdichtung, keine Auflösung. Kein Zeichen von Dauer, obwohl alles andauert.

Salz setzt sich ab und bleibt. Nicht als Spur, eher als Konstanz. Es verändert nichts, es bestätigt nur, dass nichts sich verändert. Luft bewegt sich, ohne etwas zu verschieben. Sie durchquert den Raum, ohne ihn zu verändern.

Wellen kommen. Brechen. Gehen. Ohne Anfang, ohne Ende. Sie wiederholen sich, ohne sich zu erinnern. Jede gleicht der anderen, ohne identisch zu sein. Es gibt keinen Punkt, an dem sie beginnen. Keinen, an dem sie abgeschlossen wären.

Der Blick sucht nach Reihenfolge. Nach einem ersten, einem nächsten, einem letzten. Er findet nichts. Alles ist gleichzeitig. Nichts steht vor, nichts folgt. Die Wahrnehmung läuft weiter, ohne etwas zu strukturieren.

Zeit läuft nicht.

Sie liegt. Sie geht nicht durch den Raum. Sie legt sich darüber. Über alles. Gleichmässig, ohne Verdichtung, ohne Lücken. Sie trägt nichts, sie löscht nichts. Sie lässt alles, wie es ist.

Erinnerung setzt an und findet keinen Halt. Kein Ereignis, an dem sie sich festmachen könnte. Kein Übergang, den sie markieren kann. Alles ist gleich weit entfernt. Gleich nah. Es gibt keinen nächsten Moment.

Keinen, der anders wäre.

→ «Soleïade» als Druck im Shop kaufen.

 
Weiterlesen
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Mal de débarquement.

Das Wasser endet nicht am Ufer. Es verlagert sich. In den Körper. In den Schritt. Und voraus, in die Gondel nach Mürren.

Das Wasser endet nicht am Ufer. Es verlagert sich. In den Körper, in den Schritt, in ein leises Weiter­schwingen, das bleibt, obwohl alles stillsteht. Man steigt aus und nimmt die Bewegung mit. Und während sie noch im Innern arbeitet, denkt sie bereits voraus.

Auf dem Wasser. In der Camargue. Flach. Weit. Konstant. Das Schaukeln ist klein. Gleichmässig. Unaufgeregt. Tag und Nacht. Der Körper hört auf, dagegen zu arbeiten. Er übernimmt. Passt sich an. Macht das Schwanken zu seiner eigenen Logik.

Dann steige ich aus.

Holz unter den Füssen. Ein Schritt. Fester Boden. Sichtbar stabil. Und doch stimmt etwas nicht. Oder genauer. Etwas stimmt noch. Der Körper schwingt weiter. Nicht stark. Kaum sichtbar. Aber eindeutig. Ein leises Nachfedern im Innern. Als hätte sich die Bewegung eingeschrieben. Als würde sie bleiben wollen. Kein Schwindel, ein Beharren.

Ich stehe. Und schwanke.

Und in diesem Moment bekommt es einen Namen. Mal de Débarquement. Ein grosses Wort für etwas so Leises. Und gleichzeitig präzise. Man ist angekommen. Und noch nicht angekommen.

Ich gehe ein paar Schritte. Der Boden ist da. Verlässlich. Und doch nicht absolut. Der Körper traut ihm noch nicht ganz. Oder traut sich selbst noch nicht ganz. Und während ich gehe, beginnt etwas Zweites. Ein Vorausdenken.

Ich sehe mich bereits unten im Tal. Vor der Gondel. Ich weiss, wie sich die Türen schliessen werden. Dieses kurze mechanische Zucken. Dann das Lösen. Das Abheben. Und ich weiss auch, was dann passiert.

Die Gondel wird schwingen.

Nur leicht. Kaum der Rede wert. Aber genug. Genug, damit der Körper antwortet. Nicht überrascht. Erleichtert. Ah. Das also wieder.

Die Bewegung kehrt zurück. Nicht als Fremdes. Als Fortsetzung. Das, was hier im Wasser begonnen hat, setzt sich in der Luft fort. Ein anderer Träger. Das gleiche Prinzip. Wasser. Seil. Luft. Und der Körper dazwischen, der schneller ist als jede Erklärung.

Für einen Moment verschiebt sich die Perspektive. Schwingt die Gondel mich? Oder bringe ich das Schwanken mit und lege es über die Gondel? Ich sehe zurück. Zur Camargue. Zum Boot. Zum flachen Wasser, das keine Höhe kennt und keine Kante. Und gleichzeitig sehe ich nach oben.

Mürren.

Die Terrasse. Der Fels. 1’650 Meter. Unbewegt. Fast trotzig unbewegt. Ein Ort, der nichts mit diesem Schaukeln zu tun hat. Und genau deshalb alles damit zu tun hat.

Ich komme oben an. Steige aus. Ein Schritt. Der Körper trägt noch einen Rest. Ein kaum merkliches Nachschwingen. Ein letztes Echo. Dann ordnet sich etwas neu. Der Boden ist fest. Nicht absolut. Aber entschieden.

Mürren steht. Nicht weil es keine Bewegung gibt. Sondern weil hier oben die Bewegung keinen Anspruch mehr stellt. Sie darf ausklingen. Ohne Widerstand. Das ist der Loop.

Ich stehe hier. Und trage die Camargue in mir. Als Erinnerung. Als Rhythmus. Und ich weiss, dass es wieder beginnen wird. Beim nächsten Boot. Bei der nächsten Fahrt.
Beim nächsten Schritt auf scheinbar festem Boden.

Man verlässt das Wasser.

Aber das Wasser verlässt einen nicht.

Es geht mit.

Bis nach Mürren.

→ «Mal de débarquement» als Druck im Shop kaufen

 
Weiterlesen
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Am Meer.

Ich wollte eigentlich immer schon ans Meer. Wegen dieser stillen Verschiebung, in der Dinge ihre Ordnung verlieren, ohne auseinanderzufallen.

Ich wollte eigentlich immer schon ans Meer. Nicht wegen des Wassers, sondern wegen des Horizonts. Wegen dieser stillen Verschiebung, in der Dinge ihre Ordnung verlieren, ohne auseinanderzufallen. Eine Linie, die nicht entscheidet. Eine Fläche, die alles gleichzeitig zulässt.

Ich wollte eigentlich immer schon ans Meer. Dort arbeitet der Horizont leise. Er rückt Dinge zusammen, die nicht zusammengehören, und hält sie dort, ohne sie zu verbinden. Eine Linie, die sich verweigert, eine Fläche, die sich ausdehnt, bis sie keine Ränder mehr kennt. Vertikale braucht Widerstand. Fels gegen Gewicht, Wand gegen Fall. Oben entsteht durch Druck, unten durch Konsequenz. In den Bergen wird Raum entschieden. Hier trägt etwas, dort nicht. Hier geht es weiter, dort endet es.

Am Meer gibt es diese Entscheidung nicht.

Alles liegt nebeneinander. Wasser, Luft, Sand. Keine Priorität. Kein Vorrang. Die Fläche verteilt Aufmerksamkeit, sie bündelt nichts. Der Blick findet keinen Punkt, an dem er hängenbleibt. Er läuft aus.

Salz schwebt in der Luft. Unsichtbar und wirksam. Es legt sich auf die Haut, auf die Lippen, auf die Sprache. Ein Element, das sich nicht festhalten lässt und trotzdem bleibt. Der Raum ist durchzogen davon, ohne dass man ihn greifen könnte.

Die Brandung setzt ein, bricht, verschwindet. Setzt wieder ein. Kein Anfang, kein Ende. Eine Wiederholung, die keiner Erinnerung bedarf. Die Bewegung ist nicht gerichtet, sie hält sich selbst aufrecht. Kein Ziel, kein Fortschritt, kein Abschluss.

Der Strand ist keine Grenze. Er ist ein Bereich, in dem nichts stabil bleibt. Schritte lösen sich auf, während sie entstehen. Linien werden gezogen und sofort zurückgenommen. Der Boden trägt und gibt nach, gleichzeitig. Die Vertikale verliert ihre Autorität. Oben und unten bleiben vorhanden, aber ohne Gewicht. Der Körper sucht nach einem Bezug, findet nur Ausdehnung. Orientierung wird flach.

Ein Wechsel.

Der Blick von oben. Eine Kante, ein Grat, ein Abbruch. Raum fällt, Raum steigt. Alles steht in Relation. Gewicht ist sichtbar. Der Körper weiss sofort, wo er ist.

Zurück.

Fläche. Keine Kante. Kein Halt. Der Horizont zieht sich durch alles hindurch, ohne etwas festzulegen. Die Luft schmeckt nach Salz, der Boden gibt nach, die Bewegung wiederholt sich, ohne sich zu steigern.

Es entsteht eine andere Ordnung. Keine Hierarchie, keine Richtung, keine Mitte. Alles liegt offen. Gleich nah, gleich fern.

Der Horizont bleibt.

Er trennt nichts.
Er verbindet nichts.
Er hält alles in der Schwebe.

→ «Am Meer» als Druck im Shop kaufen.

 
Weiterlesen