Mürren mon Amour
Zwischen Höhenluft und Herz
Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, als Zwischenort, als Möglichkeit.
Whale Watching.
Whale Watching in Mürren, aber die Tiere verhalten sich ausgesprochen scheu.
Whale Watching gibt es auch in Mürren. Die Tiere aber verhalten sich ausgesprochen scheu.
Man erkennt die Situation sofort: Ein paar Menschen stehen da. Andere kommen. Jemand hebt das Telefon. Jemand zeigt in die Ferne. Ein Kind schaut hin, wohin alle schauen. Dann stehen sie gemeinsam vor Schwarzmönch, Jungfrau, Mönch und Eiger und schauen.
Was genau ist nicht immer klar.
Vielleicht das Licht. Vielleicht eine Wolke. Vielleicht einen Gleitschirm. Vielleicht einfach die Berge. Es spielt keine Rolle, entscheidend ist mehr die Haltung: Man steht, man schaut, man arrangiert, man wartet. Beim Whale Watching wäre das der Moment, in dem jemand ruft:
Da!
In Mürren ruft selten jemand. Die Hauptattraktion bewegt sich nicht besonders schnell. Sie steht seit einiger Zeit ungefähr am selben Ort. Das macht aber die Beobachtung nicht weniger intensiv. Im Gegenteil.
Man fotografiert. Vergleicht Ausschnitte. Rearrangiert und -inszeniert. Schaut nochmals ohne Kamera. Dann wieder mit ihr, durch sie. Und bleibt dann doch länger stehen, als ursprünglich vorgesehen.
Bisher wurden keine Wale gesichtet.
Die Aussichten gelten trotzdem als ausgezeichnet.
Altkarton.
Abfall hat einen Termin.
Gestern war Altkartonsammlung. Darum stand Mürren voller Schachteln. Sauber gefaltet, ineinandergeschoben, verschnürt und an die Strasse gestellt. Auch Abfall hat hier einen Termin.
Einmal im Monat kommt der Karton weg.
Das weiss man. Also beginnt das Dorf am Vortag, seine Verpackungen herauszugeben. Schachteln von Lebensmitteln, Lieferungen, Geräten, Umzügen und Dingen, an die sich niemand mehr genau erinnert. Was einst etwas geschützt, getragen oder angekündigt hat, wird flachgedrückt und gebündelt.
Nicht irgendwie.
Ordentlich. Die grossen Schachteln nehmen die kleinen auf. Flache Stücke werden aufeinandergelegt. Eine Schnur hält zusammen, was während eines Monats auseinandergefallen ist.
Am Strassenrand entstehen kleine Archive des Konsums.
Hier wurde bestellt. Dort geliefert. Da ausgepackt. Manche Bündel sind sachlich. Andere ehrgeizig. Einige sehen aus, als könnten sie ohne Weiteres noch einmal umziehen. Bis frühmorgens stehen sie vor den Häusern und warten.
Dann verschwinden sie.
Und Mürren beginnt von vorn, neuen Karton zu sammeln. Monat für Monat. Fein sortiert. Gut gebündelt. Wie es sich für ein Dorf gehört, das seine Reste ordentlich verabschiedet.
Pilz.
Die ersten Pilze stehen wieder im Gras: unentschieden darüber, ob die Saison bereits begonnen hat.
Die ersten Pilze stehen wieder im Gras; vereinzelt, noch etwas vorsichtig. Unentschieden darüber, ob die Saison bereits begonnen hat.
Nach diesem heissen, trockenen Sommer war lange nichts zu sehen. Die Wiesen wurden zwar heller. Der Boden härter. Das Moos spröder.
Aber jetzt plötzlich: ein Pilz.
Breit, dunkel, feucht glänzend. Zwischen Gras, Zapfen und altem Holz. Kein eleganter Vorbote, eher ein kräftiges Lebenszeichen aus dem Boden. Welche Art es genau ist, lässt sich durch mich nicht sicher bestimmen. Für eine Naturbeobachtung genügt zunächst: Er ist da.
Pilze erscheinen ohnehin nie aus dem Nichts. Was wir sehen, ist nur der Fruchtkörper. Der grössere Teil lebt verborgen im Boden, als feines Geflecht zwischen Wurzeln, Holz und Erde. Unsichtbar, bis Feuchtigkeit und Temperatur irgendwann stimmen.
Dann poppen sie auf.
Einer.
Dann vielleicht drei.
Dann überall.
Wie die kommende Pilzsaison wird, weiss noch niemand. Nach einem solchen Sommer könnte sie karg ausfallen. Oder spät. Oder nach einigen Regentagen plötzlich so üppig, als hätte der Wald die ganze Zeit nur gewartet.
Pilze sind in dieser Hinsicht wenig auskunftsfreudig.
Sie machen keine Prognosen.
Sie erscheinen.
Dieser hier hat damit begonnen.
Niidlewouche.
Kurz bevor der Regen über Mürren zieht, wird der Himmel zur Dessertkarte.
Kurz bevor der Regen über Mürren zieht, wird der Himmel zur Dessertkarte. Über dem Lauterbrunnental türmt sich Niidle in wechselnden Zuständen: geschlagen, gerührt, schwer, luftig, mitunter mit Meringue.
«Niidle» heisst Rahm. «Niidelwouche» sind folglich Rahmwolken. Man sieht sie besonders schön, wenn über dem Lauterbrunnental ein Regen aufzieht und der Himmel beginnt, seine Konsistenz zu verändern.
Zuerst ist die Niidle noch weich. Kaum geschlagen. Sie zieht in langen, hellen Bahnen über Eiger, Mönch und Jungfrau und wirkt, als müsste man sie vorsichtig unterheben.
Dann wird sie fester.
Sie türmt sich. Bildet Spitzen. Hält kurz die Form. Geschlagene Niidle und etwas später kippt das Ganze ins Üppige. Die Wolken hängen schwer über den Fels, grau an den Rändern, hell im Innern. Rahmiger Rahm. Zu viel davon. Genau richtig.
Manchmal kommt Meringue dazu.
Hart gezogene Kanten. Weisse Hauben. Dunkle Zwischenräume. Ein Dessert, das unter meteorologischem Druck angerichtet wird. Dann wieder nur Meringue. Trocken aussehend. Zart. Zu schön, zu filigran um wahr zu sein.
Bis es regnet.
In Mürren liest man das Wetter deshalb nicht nur am Himmel. Man beurteilt auch die Konsistenz. Und wenn die Niidlewuouche besonders schön stehen, weiss man: Das Dessert ist fertig.
Serviert wird Wasser.
Abschlussbericht.
MRRN Yacht Club
Abschlussbericht
MÜRREN
JULI SEGELWOCHE 2027
7. Juli – 2. August 2027
MRRN Yacht Club
Abschlussbericht
MÜRREN
JULI SEGELWOCHE 2027
7. Juli – 2. August 2027
Mit dem traditionellen Einlaufen der letzten Yachten in die Marina Mürren ist die diesjährige Juli-Segelwoche offiziell beendet.
Während vier Wochen wurden insgesamt drei Regatten sowie mehrere gemeinsame Ausfahrten über das Wolkenmeer durchgeführt. Die meteorologischen Bedingungen erwiesen sich über weite Strecken als ausgezeichnet. Besonders die stabile Wolkendecke während der zweiten Regatta sorgte für anspruchsvolle, aber faire Verhältnisse.
Auch die erstmals öffentlich ausgeschriebene Wolkenmeer-Cruising-Session erfreute sich grosser Beliebtheit. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, den Yacht Club kennenzulernen und die Marina Mürren zu besichtigen.
Die erstmaligen Jugendrennen der neu gegründeten Wave Division zeigten eindrücklich, dass sich der nautische Nachwuchs auch oberhalb der Baumgrenze kontinuierlich entwickelt. Mehrere neue Mitglieder konnten aufgenommen werden.
Der Clubabend sowie die Preisverleihung fanden traditionsgemäss im Hafenmeisterbüro der Marina Mürren statt. Der Commodore würdigte insbesondere den kameradschaftlichen Geist der diesjährigen Segelwoche und dankte allen freiwilligen Helferinnen und Helfern sowie der MRRN Lifeguard für ihren tatkräftigen Einsatz.
Die Marina wird nun auf die ruhigere Herbstsaison vorbereitet. Die Wintereinlagerung der Flotte beginnt planmässig Ende Oktober.
Der MRRN Yacht Club bedankt sich bei allen Mitgliedern, Gästen und Unterstützerinnen und Unterstützern und freut sich auf die MÜRREN WEIHNACHTSREGATTA 2027. Weitere Informationen hierzu folgen auf den bekannten Kanälen.
Marina Mürren
1’650 m above sea level
Founded 1898
Kreuzotter.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.
Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.
Sie erscheint. Sie verschwindet.
Und überlässt uns das Anstehen.
1. August.
Mürren trägt heute Schweiz.
Mürren trägt heute Schweiz.
An Balkonen, Hauswänden und Zäunen hängen Fahnen, Girlanden und andere Zeichen der Zugehörigkeit. Ob das Patriotismus ist oder Folklore, lässt sich von aussen weder beobachten noch entscheiden. Man muss es auch nicht.
Das Dorf: geschmückt.
Rot und Weiss an den Häusern. Kleine Fahnen in Blumenkästen. Girlanden über Eingängen. Stoff, Papier, Kunststoff. Die Schweiz in verschiedenen Formaten.
Manche Dekorationen hängen vermutlich jedes Jahr am selben Ort. Andere wurden eigens für heute hervorgeholt. Zusammen ergeben sie ein Dorf, das für einen Tag etwas deutlicher sagt, wo es liegt.
Oder wozu es gehören möchte.
Patriotismus ist ein grosses Wort. Folklore das etwas bequemere. In Mürren liegen beide nahe beieinander.
Die Fahne kann Bekenntnis sein. Gewohnheit. Gastfreundschaft. Dekoration. Erinnerung. Oder schlicht etwas, das am 1. August dazugehört, wie Feuer, Musik und der Geruch von Grilliertem.
Zugehörigkeit beginnt ohnehin selten mit einer klaren Überzeugung. Dafür mit Wiederholung.
Mit demselben Fest.
Denselben Farben.
Denselben Liedern, selbst wenn nicht mehr alle mitsingen.
Am Abend werden die Girlanden im Wind hängen, die Fahnen vor den dunklen Bergen leuchten und irgendwo wird jemand erklären, was die Schweiz ausmacht.
Das Dorf hat seine Antwort bereits aufgehängt.
Allenthalben.
Und ein wenig schief.
Lila.
Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner: jetzt übernimmt Lila.
Der Sommer zieht sich langsam aus den Wiesen zurück. Auch wenn dies der Hitze noch nicht mitgeteilt wurde. Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner. Und ausgerechnet jetzt übernimmt Lila.
Im Frühling beginnt Mürren mit Gelb und Weiss. Dann kommt das satte Grün. Später Blau, Rot, Rosa und alles, was eine Bergwiese während einiger Wochen aufzubieten hat.
Im August aber verändert sich die Farbordnung.
Das Gras verliert an Glanz. Die Halme werden strohig. Die Wiesen sehen aus, als hätte der Sommer beschlossen, nicht mehr täglich frisch zu erscheinen.
Und dann taucht Lila auf.
Punktuell. In kleinen Inseln, einzelnen Köpfen, Glocken, Rispen und ganzen Sträuchern. Besenheide, Witwenblume, alpine Glockenblume und das Wald-Weidenröschen. Botanisch haben sie wenig miteinander zu tun. Farblich aber haben sie sich abgesprochen.
Die Besenheide bleibt niedrig und verteilt ihr Violett grosszügig über den Boden.
Die Witwenblume steht einzeln da, rund und ordentlich, als hätte sie einen Termin.
Die Glockenblume hängt etwas nach unten und wirkt, als wüsste sie bereits, dass der Sommer nicht ewig dauert.
Das Weidenröschen dagegen kennt keine Zurückhaltung. Es blüht hoch, rosa-violett und mit der Energie einer Pflanze, die auch aus einer gerodeten Fläche noch eine Bühne macht.
Zusammen geben sie den verbraunten Wiesen einen Lilastich. Nicht genug, um den Sommer zurückzubringen. Aber genug, um seinen Abgang mehr als anständig zu gestalten.
Deshalb ist Lila die richtige Farbe für diese Wochen. Nicht mehr ganz Sommer. Noch lange nicht Herbst. Eine Farbe dazwischen.
Mürren trägt sie nur für kurze Zeit.
Dafür sehr überzeugend.
Schnägg.
Sie überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
In Mürren leben Schnecken bis weit hinauf zwischen Wiesen, Wald, Gärten und Geröll. Nach Regen verlassen sie ihre Verstecke und überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
Kein Haus. Dafür einen Fuss, und der ist nicht schlank.
Zoologisch gesehen besteht eine Nacktschnecke zu einem beträchtlichen Teil aus diesem einen muskulösen Organ. Damit gleitet sie über Steine, Erde und Holz. Eine Schleimspur vermindert die Reibung, schützt den Körper und markiert zuverlässig, wo sie bereits gewesen ist.
Besagtes Tier auf dem Weg gehört erkennbar zu den Wegschnecken. Welche Art genau? Rote, braune und orangefarbene Vertreter können einander stark ähneln. Kurz, man weiss es nicht.
Vorn trägt sie zwei lange Fühler mit Augen an den Spitzen. Darunter befinden sich zwei kürzere, die vor allem Geruch und Berührung wahrnehmen. Werden die Verhältnisse unübersichtlich, zieht sie alles ein.
Eine vernünftige Einrichtung.
Viele fressen welkende Pflanzen, Pilze, Algen und abgestorbenes Material. Damit beseitigen sie, etwas unauffällig, was andere liegen lassen. Dass sie gelegentlich auch frisches Grün schätzen, hat ihrem Ruf stärker geschadet als ihre gesamte ökologische Arbeit ihm nützt. Pro Natura nennt Nacktschnecken deshalb die «Geier des Gartens».
Diese kroch durch den feuchten Schotter.
Langsam wäre das falsche Wort. Sie bewegte sich in der ihr möglichen Geschwindigkeit. Ohne Eile, aber auch ohne erkennbaren Zweifel an der Richtung.
Vielleicht wirkt eine Schnecke nur deshalb langsam, weil wir selbst ständig zu spät sind.
Höiet.
Sommer frisch geschnitten.
Sommer frisch geschnitten.
Die Wiesen sind gemäht. Das Gras liegt in langen, weichen Bahnen über dem Hang und trocknet in der Sonne. Wo gestern noch alles stand, duftet heute der ganze Berg.
Warm.
Grün.
Ein wenig süss.
«Höiet», sagt man hier. Ein kleines Wort für eine grosse Verwandlung.
Die Wiese wird geschnitten, gewendet, gesammelt. Für einen Moment liegt sie einfach da. Der Sommer ist nicht zu überriechen. Man geht daran vorbei und wird langsamer. Emu ig. Des Duftes wegen.
Später wird alles eingebracht sein. Die Hänge werden wieder ordentlich aussehen. Der Wind wird den Rest forttragen.
Aber heute riecht Mürren nach Höiet, als wäre der ganze Sommer frisch geschnitten.
Winterfit.
In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.
In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.
Ende Juli. Die Wiesen riechen nach Höiet. Die Sonne steht warm auf den Hauswänden. Und vor der Werkstatt des Mechanikers warten die ersten Schneeschleudern geduldig auf Zuwendung.
Rot. Schwer. Einsatzbereit wirkend. Nur eben noch nicht ganz.
Sie stehen da wie die Vorhut des Winters. Sorgfältig abgestellt, teilweise zugedeckt, und lassen sich gründlich durchsehen.
Öl.
Riemen.
Ketten.
Was eine Schneeschleuder eben braucht, um später wieder zuverlässig Schneemassen aus dem Weg zu räumen.
In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.
Liebesspiel.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Zwei zitronengelbe Schmetterlinge umflogen sich über der Wiese. Mit heftigem Flügelschlag stiegen sie im warmen Aufwind hoch, stiessen gegeneinander, trennten sich, fielen wieder ab und fanden sich kurz darauf von Neuem.
Ein Liebesspiel aus Annäherung, Flucht, Angriff und Rückkehr.
Es sah nicht besonders friedlich aus. Eher nach einer Beziehung, die bereits eine gemeinsame Geschichte hatte.
Ich blieb stehen und schaute zu.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie. Bei Schmetterlingen nennt man es Naturbeobachtung und darf sogar die Kamera holen.
Als ich zurückkam, waren sie verschwunden.
Wolkenkratzer.
Das Wort Wolkenkratzer stammt vermutlich aus einer Zeit, als Architekten noch Ehrfurcht vor Höhe hatten.
Wolkenkratzer
Das Wort Wolkenkratzer stammt vermutlich aus einer Zeit, als Architekten noch Ehrfurcht vor Höhe hatten. Heute bezeichnet es ein Gebäude mit vielen Stockwerken.
Im Lauterbrunnental, darob, in Mürren, erhält der Begriff Wolkenkratzer seine ursprüngliche Bedeutung. Eiger, Mönch und Jungfrau kratzen tatsächlich an den Wolken. Manchmal sogar mitten hindurch.
An guten Tagen hängen einzelne Wolkenfetzen an Graten und Felswänden fest, als hätten sie dort kurz pausiert. Die umliegenden Gipfel erfüllen damit die wichtigste Voraussetzung eines Wolkenkratzers deutlich zuverlässiger als die meisten Hochhäuser dieser Welt.
Ein weiterer Unterschied fällt auf.
Die Berge verfügen über keine Lobby. Keine Rezeption. Keine Tiefgarage. Keine Eigentumswohnungen. Keine Servicelifte. Keine Penthouse-Magazine. Trotzdem sind sie höher. Deutlich höher. M
an könnte argumentieren, dass die Architekten ihrer Zeit den Begriff genau hier hätten finden können. Sie blickten auf einen Berg. Später bauten sie ein Hochhaus. Und nannten es nach dem Original.
Die Berge haben sich dazu bisher nicht geäussert.
Sie stehen weiterhin dort. Noch die einzigen echten Wolkenkratzer in der Gegend.
Salat.
In Mürren lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.
Jeden Frühling beginnt in Mürren eine der unterschätztesten Produktionen des Dorfes. Nicht auf Baustellen, Skipisten oder Hotelterrassen. Im Nachbargarten. Dort wächst Salat.
Direkt nebenan beginnt jedes Jahr dasselbe Schauspiel. In Nachbars Garten, wo nicht nur das Gras grüner ist. Zuerst erscheinen einige kleine grüne Pflänzchen. Unauffällig. Harmlos. Verletzlich. Niemand würde vermuten, dass daraus wenige Wochen später ein ausgewachsener Konflikt entsteht.
Denn kaum ist der Salat gesetzt, spricht sich die Neuigkeit herum. Die Schnecken erfahren davon. Die Gämsen auch. Diverse Vögel scheinen ebenfalls informiert zu werden.
Und von diesem Moment an lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.
Zäune werden errichtet. Netze gespannt. Regelmässige Kontrollen durchgeführt. Verdächtige Bewegungen und Spuren registriert. Der Salat selbst beteiligt sich nicht an den Diskussionen. Er wächst weiter. Tag für Tag. Blatt für Blatt. Während ringsherum ein stiller Kampf um seine Zukunft geführt wird.
Die Gämsen verfolgen dabei eine eher direkte Strategie. Sie würden die Angelegenheit gerne an Ort und Stelle erledigen.
Die Schnecken arbeiten subtiler. Sie erscheinen meist nachts. Wie viele erfolgreiche Organisationen.
Trotzdem gelingt es meinen Nachbarn jedes Jahr wieder, eine beachtliche Ernte durchzubringen. Irgendwann stehen dort Reihen von Salatköpfen. Frisch. Grün. Vollständig. Ein kleiner Erfolg der lokalen Landwirtschaft.
Kurz darauf verschwinden sie wieder.
Nicht wegen der Gämsen. Nicht wegen der Schnecken. Sondern weil sie ihren letzten Bestimmungsort erreichen. Die Restaurants des Dorfes. Dort landen sie auf Tellern, begleitet von freundlichen Gesprächen und dem Eindruck, frischer könne Salat kaum sein. Was meistens stimmt. Zwischen Beet und Mittagessen liegen oft nur wenige Stunden.
Wer die Geschichte kennt, betrachtet den Salat danach etwas anders.
Weniger als Beilage. Mehr als Überlebender.
Fernsicht.
Man muss manchmal sehr weit reisen, um etwas zu sehen.
Man muss manchmal sehr weit reisen, um etwas zu sehen.
Eine Frau reist von den Philippinen nach Mürren. Sie schaut ins Tal und beginnt zu weinen. Millionen Menschen sehen später das Video. Ich sehe währenddessen denselben Blick aus dem Fenster.
Der Unterschied liegt vermutlich nicht in der Aussicht. Sondern in der Entfernung. Man muss manchmal sehr weit reisen, um etwas zu sehen. Und manchmal genügt ein Schritt auf den Balkon.
Beides gelingt nicht jeden Tag.
Tannengrün.
Die Farbpalette des Dorfes ist überschaubar. Braun. Grau. Verwittert. Und dann steht da dieses Haus.
Die Farbpalette des Dorfes ist überschaubar. Braun. Grau. Verwittert. Und dann steht da dieses Haus.
Mürren ist an und für sich kein bunter Ort. Holz vergraut hier langsam wie bestimmt. Dächer werden dunkler. Fassaden altern. Winter, Wind und Sonne hinterlassen gewollte Spuren. Die Farbpalette des Dorfes ist überschaubar. Braun. Grau. Verwittert. Und dann steht da dieses Haus. An der Flanke oberhalb des Dorfes. Früher Bellevue. Jetzt Drei Berge.
Tannengrün.
Nicht das Grün eines frisch gestrichenen Gartenzauns. Eher das Grün eines Waldes nach einem Regenschauer oder im Morgendunst. Als die Farbe zum ersten Mal auftauchte, wirkte sie beinahe fremd. Ungewohnt. Nicht laut. Ein Haus, das sich nicht versteckte.
Ich laufe fast täglich daran vorbei.
Das Interessante ist nicht die Farbe selbst. Interessant ist, was danach geschah. Das Auge gewöhnte sich daran. Langsam. Unbemerkt. Heute gehört das Haus zum Dorf, als wäre es schon immer dort gewesen. Und dann frage ich mich, ob gute Gestaltung genau das macht. Nicht Aufmerksamkeit erzeugen. Neue Selbstverständlichkeiten schaffen.
Die Berge haben sich dazu nie geäussert.
Eiger, Mönch und Jungfrau betrachten die Angelegenheit mit der ihnen eigenen Gelassenheit. Das Haus steht weiterhin da. Tannengrün. Oder ist es doch Moosgrün? Still. Und an manchen Tagen scheint es, als hätte Mürren eine zusätzliche Farbe erhalten.
Graustufen.
Nach Sonne, Hitze und Aussicht zeigt sich Mürren heute in Graustufen. Nicht alle bedauern das.
Nach Sonne, Hitze und Aussicht zeigt sich Mürren heute in Graustufen. Nebel zieht durchs Dorf. Regen fällt auf Dächer und Wiesen. Der Wind übernimmt die Strassen. Nicht alle bedauern das.
Der Tag beginnt in verschiedenen Schattierungen von Grau. Die Berge sind nahezu verschwunden. So auch das Tal. Selbst die vertrauten Orientierungspunkte tauchen nur noch gelegentlich aus dem Nebel auf, bevor sie wieder verschwinden.
Regen fällt auf Dächer, Balkone und Wanderwege. Der Wind zieht durch die Bäume. Die Fahnen haben wieder etwas zu tun. Nach den vergangenen Wochen wirkt das ungewohnt.
Die Sonne hatte Überstunden geleistet. Tag für Tag. Woche für Woche. Mit ihr kamen die Gäste. Die Wandernden. Die Fotografierenden. Die Terrassenbesetzer. Die Aussichtssuchenden.
Heute macht alles eine kleine Pause. Die Fernsicht ebenfalls.
Niemand fotografiert einen Nebelvorhang mit derselben Begeisterung wie Eiger, Mönch und Jungfrau. Darin liegt ein Reiz. Der Nebel verlangt nichts. Er will nicht beeindrucken. Er verdeckt mehr, als er zeigt.
Das ist eine Wohltat. Das Dorf leiser. Die Wege leerer. Die Bewegungen langsamer. Die Landschaft tritt einen Schritt zurück. Für ein paar Stunden genügt es, dass sie einfach da ist. Grau. Kühl. Nass. Windig.
Luftgespräche.
Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Die wenigsten schweben lautlos durch die Landschaft.
Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Manche schweben lautlos durch die Landschaft. Andere führen währenddessen Gespräche. Über das Mittagessen. Über die Ferien. Über das Wetter. Über alles Mögliche.
Von meinem Fenster aus kann ich sie beobachten. Sie kommen von der Schilthornseite. Von Birg. Von Mürren. Einige ziehen lautlos vorbei. Die meisten sprechen. Manchmal höre ich nur einzelne Wörter. Manchmal ganze Sätze. «Und links sieht man jetzt …», «Wow.», «Das ist unglaublich.», «Hast du die Kühe gesehen?»
Oder: «Nachher gehen wir noch etwas essen.» Die letzten Meter eines Fluges scheinen für manche Menschen ein guter Moment zu sein, um Pläne für das Mittagessen zu schmieden.
Das fasziniert mich.
Da schwebt man mehrere hundert Meter über dem Lauterbrunnental. Vor einem Eiger, Mönch und Jungfrau. Unter einem die Wiesen. Die Wälder. Die Wasserfälle.
Und trotzdem bleibt genug Raum für Small Talk.
Die eigentliche Leistung des Menschen. Er nimmt sich selbst überallhin mit. Auf Berge. Auf Schiffe. In Flugzeuge. Und offenbar auch unter Gleitschirme.
Die Landschaft erhält dadurch etwas Beruhigendes. Sie muss nicht konstant beeindrucken. Sie darf einfach da sein. Während zwei Menschen über Rösti sprechen. Oder über Kuchen. Oder über die Frage, ob es morgen regnen wird. Oder wie die Schweiz gefällt.
Manchmal hebt jemand die Hand und grüsst auf eine Terrasse hinunter. Gelegentlich wird sogar «En Guete!» gewünscht. Dann gleitet der Schirm weiter Richtung Stechelberg. Das Gespräch ebenfalls.
Das gefällt mir an diesen Luftgesprächen. Die Berge gewinnen zwar fast immer. Aber sie müssen nicht jedes Mal recht behalten.
Gewitter.
Oberhalb von Mürren ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel schliesst langsam seine Türen.
Oberhalb von Mürren ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel schliesst langsam seine Türen. Nach Tagen voller Sonne und Hitze kündigt sich eine kurze Unterbrechung an.
Seit dem Mittag verändert sich das Licht. Erst kaum sichtbar. Dann immer deutlicher. Über dem Lauterbrunnental sammeln sich Wolken. Hellgrau. Dunkelgrau. Weiss. Schicht um Schicht. Die letzten blauen Stellen verschwinden.
Der Wind zieht an. Die Bäume, Sträucher, Halme beginnen sich in seinem Rhythmus zu bewegen. Nicht hektisch. So, als würden sie sich auf etwas vorbereiten.
Auf den Terrassen wird aufgeräumt, die Sonnenschirme zusammengeklappt. Jacken tauchen wieder auf. Einzelne Gäste schauen zum Himmel und prüfen ihre Wetter-Apps. Andere vertrauen weiterhin ihrem Optimismus. Anderen ist es egal. Er kommt wie er kommt.
Die ersten Tropfen fallen. Noch weit voneinander entfernt. Dann ein paar mehr. Nach den vergangenen Tagen wirkt das ungewohnt. Die Hitze macht Pause.
Die Wiesen bekommen etwas Wasser. Die Dächer ebenfalls. Und Eiger, Mönch, Schwarzmönch und Jungfrau verschwinden langsam hinter einem Vorhang aus Nebel und Regen.
Für ein paar Momente übernimmt das Gewitter die Regie.
Congé de chaleur.
«Congé de chaleur» : Zahlreiche Betroffene haben den Weg nach Mürren gefunden.
In mehreren Westschweizer Kantonen wurde in diesen Tagen der sogenannte «Congé de chaleur» ausgerufen. Zahlreiche Betroffene haben daraufhin den Weg nach Mürren gefunden.
Amtliche Mitteilung
Die Gemeinde Mürren informiert, dass sich derzeit eine erhöhte Anzahl Hitzeflüchtlinge im Dorf aufhält. Betroffen sind insbesondere Personen aus Genf, Lausanne, Montreux, Sitten, Bern, Basel, Zürich sowie weiteren Gebieten des Flachlands.
Die Anreise erfolgt meist mit Rollkoffern, Sonnenbrillen und dem festen Vorsatz, für einige Tage nicht zu schwitzen. Die Lage bleibt angespannt.
Während im Unterland Temperaturen von deutlich über dreissig Grad gemeldet werden, bewegen sich die Werte in Mürren weiterhin in einem Bereich, der von den Betroffenen als «vernünftig» bezeichnet wird.
Erste Ankommende wurden bereits dabei beobachtet, wie sie nach ihrer Ankunft mehrfach tief einatmeten und dabei Sätze äusserten wie:
«Ah.»
oder
«Endlich.»
Die lokalen Behörden sehen derzeit keinen Anlass zur Sorge. Die Versorgung mit frischer Luft bleibt gewährleistet. Auch Schatten steht weiterhin in ausreichender Menge zur Verfügung. Besonders gefährdete Personen halten sich bevorzugt auf Hotelterrassen, Wanderwegen sowie in der Nähe von Brunnen auf.
Der Aufenthalt erfolgt meist friedlich. Gelegentlich kommt es zu spontanen Äusserungen der Dankbarkeit gegenüber Wolken. Für die kommenden Tage wird mit weiteren Ankünften gerechnet.
Die Bevölkerung wird gebeten, den Neuankömmlingen mit Verständnis zu begegnen. Viele von ihnen haben Temperaturen überlebt, die unter normalen alpinen Bedingungen als unnötig gelten. Die Situation wird laufend beobachtet. Solange die Hitzewelle andauert.
Und solange Mürren über genügend Frischluftreserven verfügt.

