Dunge isch scho Früehlig
Unten ist der Frühling längst angekommen. Oben hält der Winter die Stellung. Dazwischen liegt ein Weg, der mehr ist als nur eine Strecke ins Unterland. Es ist ein Übergang zwischen zwei Zuständen, zwei Zeiten, zwei Wahrheiten.
Ich gehe runter. Ahi. Wie immer ein wenig zu schnell für die Gedanken, etwas zu langsam für die Zeit. Die Schritte finden ihren Rhythmus von selbst, der Blick weitet sich mit jedem Meter, den ich verliere. Höhe wird abgegeben, Schwere auch.
Oben, in Mürren, liegt noch alles unter dieser dicken, fast trotzig wirkenden Schneeschicht. Weiss. Ruhig. Gedämpft. Als hätte er gerade erst begonnen, der Winter, als hätte er sich entschieden, noch einmal von vorn anzufangen. Jeder Schritt knirscht dort oben noch. Jeder Atemzug ist klar, fast streng.
Und dann, kaum ist man ein Stück tiefer, kippt die Welt.
Der Schnee verschwindet nicht langsam, nicht höflich, sondern abrupt. Erst Flecken, dann Linien, dann nichts mehr. Der Boden wird sichtbar, feucht, dunkel, lebendig. Das erste Grün schiebt sich durch, nicht vorsichtig, sondern entschlossen. Und plötzlich ist da diese Wärme. Eindeutig. Und sie bleibt.
Dunge isch scho Früehlig.
Ein Satz, der nicht erklärt werden muss. Man sieht es. Man riecht es. Man spürt es in den Gelenken, in der Haut, im Tempo der Menschen. Die Gespräche verändern sich. Die Schritte auch. Alles wirkt ein wenig offener, ein wenig leichter, als hätte jemand die Spannung aus der Landschaft genommen. Ich bleibe kurz stehen. Nicht aus Müdigkeit. Eher aus Verwunderung.
Wie kann das sein, dass zwei Jahreszeiten gleichzeitig existieren, getrennt nur durch ein paar hundert Höhenmeter? Oben Winter. Unten Frühling. Kein Übergang im klassischen Sinn, kein langsames Gleiten, sondern ein Nebeneinander.
Und beides stimmt.
Oben ist es nicht «noch» Winter. Es ist Winter. Vollständig. Berechtigt. Unten ist es nicht «schon» Frühling. Es ist Frühling. Ebenfalls vollständig. Ebenfalls berechtigt. Das zeigt dieser Weg: dass Zustände nicht zwingend aufeinander warten. Dass das Neue nicht erst beginnt, wenn das Alte verschwunden ist. Dass vieles gleichzeitig existieren kann, ohne sich zu widersprechen.
Ich gehe weiter.
Die Jacke offen. Die Kapuze verschwindet. Auch die Handschuhe. Der Körper reagiert schneller als der Kopf. Er versteht den Wechsel sofort. Er passt sich an. Diskussionslos. Die Gedanken brauchen länger. Sie hängen noch oben fest, im Weiss, in dieser Klarheit, die der Winter mit sich bringt. Und gleichzeitig lassen sie sich schon anziehen von diesem ersten Grün, von dieser leichten Unordnung des Frühlings, die alles ein wenig unpräziser, lebendiger macht.
Das ist der eigentliche Übergang. Nicht der Weg. Nicht die Höhe. Dieses innere Nachziehen. Dieses langsame Umschalten, während die Welt draussen längst entschieden hat. Kein grosser Moment. Kein Aha. Eher ein leises Einverständnis.
Es darf beides sein.
Oben die Ruhe, die Klarheit, die Strenge. Unten das Wachsen, das Aufbrechen, das Unfertige. Und ich dazwischen, unterwegs, ohne mich entscheiden zu müssen, wohin ich gehöre. Dunge isch scho Früehlig. Und dobe? Dobe wartet der Winter. Geduldig. Unbeeindruckt.
ls hätte er alle Zeit der Welt.

