Schnee, nonstop.

Was erst als beiläufiger Nachschnee angekündigt war, wurde zum entschlossenen Comeback. Der Winter kehrt zurück, nicht vorsichtig, mit Nachdruck. Für jene, die von unten kommen, ist das mehr als Wetter. Es ist Korrektur.

MRRN: "Schnee, nonstop." Fotografie: Daniel Frei

Zuerst war es nur ein Hinweis. Ein Symbol auf der App, Schneeflocken zwischen grauen Wolken. Etwas, das man zur Kenntnis nimmt, nicht aber ernsthaft einplant. Nachschnee eben. Ein letztes Aufbäumen, höflich, ein wenig nostalgisch. Man denkt an Abschied, nicht Rückkehr.

Dann begann es.

Ein gleichmässiges Fallen. Stunde um Stunde. Flocken, die sich nicht entscheiden müssen, ob sie bleiben. Sie bleiben einfach. Der Städter in mir reagiert sofort. Irritation zuerst. Dann ein leises Staunen. Unten wäre das ein Ereignis. Hier oben ist es Normalität. Ich freue mich, so und so. Der Fehler liegt nicht im Wetter. Er liegt in der Erwartung. Ich habe geglaubt, der Winter funktioniere wie eine Saison. Anfang, Höhepunkt, Ende. Eine klare Dramaturgie, wie wir sie brauchen, um unsere Kalender zu ordnen. Frühling kommt, weil er kommen soll. Winter geht, weil er gehen muss.

Aber nicht nur hier oben interessiert das niemanden.

Der Winter hat keine Verpflichtung, zu verschwinden. Er kennt keine Rücksicht auf Ostern, auf Buchungen, auf die innere Ungeduld derjenigen, die wieder draussen sitzen möchten. Er bleibt, wenn er will. Und wenn er geht, dann nicht, weil wir bereit sind, sondern weil er es ist. Was als Nachschnee angedacht war, entpuppt sich als ein weiterer Versuch. Kein nostalgisches Wiederholen, sondern ein ernst gemeinter Eingriff. Als hätte jemand gesagt: Nein. Noch nicht.

Die Landschaft folgt sofort.

Wege verschwinden wieder unter einer weichen Schicht. Geräusche werden gedämpft. Das Licht verändert sich. Dieses diffuse Weiss, das alles gleichzeitig näher und weiter erscheinen lässt. Konturen verlieren an Schärfe, und darin entsteht eine neue Präzision. Man beginnt, langsamer zu gehen. Auch aus Vorsicht, der Rutschgefahr wegen. Das Eis liegt wieder verborgen unter der Decke. Jeder Schritt wieder bewusster. Jeder Blick etwas länger. Es gibt nichts zu erreichen. Der Städter in mir lebt von Übergängen. Vom nächsten Termin, vom nächsten Zustand, von der nächsten Phase. Alles ist Bewegung, alles ist Entwicklung. Stillstand ist mehr als verdächtig.

Hier oben ist er Form von Wahrheit.

Der Schnee, der nicht aufhört, zwingt nichts. Er lädt ein. Oder besser: Er entzieht sich. Er macht die Welt leiser, bis man sich selbst wieder hört. Nicht als grosses Ereignis, als leise Korrektur. Es ist nicht der Winter, der zurückkommt. Es ist die Idee, dass etwas abgeschlossen sei, die sich als voreilig erweist. Und so schaue ich auf eine Landschaft, die sich weigert, weiterzugehen, und merke, wie sich etwas verschiebt. Nicht draussen, sondern in mir. Der Frühling wird kommen.

Aber nicht, weil ich ihn erwarte.

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Sommerzeit.