Sommerzeit.
Die Uhr springt vor, der Kalender behauptet Fortschritt. In Mürren bleibt alles stehen. Schnee, Nebel, Wind. Die Berge schweigen. Sommerzeit ohne Sommer. Und das Dorf lächelt darüber.
Heute hat die Zeit einen Satz gemacht. Eine Stunde nach vorn, ein symbolischer Griff in die Zukunft. Sommerzeit. Ein Versprechen, ein Ritual, das sich jedes Jahr wiederholt, als liesse sich Wärme verordnen. Als würde Licht entstehen, nur weil wir die Zeiger verschieben.
Hier oben, auf 1’650 m ü. M., interessiert das niemanden.
Mürren nimmt diese Verschiebung zur Kenntnis, aber nicht ernst. Die letzten Tage haben Schnee gebracht. Nachschnee, Restwinter. Er liegt auf den Dächern, auf den Wegen, auf den Schultern der Landschaft. Der Blick hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau bleibt verwehrt, verhangen, als hätten sich die Berge selbst zurückgezogen. Vielleicht aus Prinzip.
Der Wind geht kühl durchs Dorf. Nicht aggressiv, aber bestimmt. Er erinnert daran, dass Jahreszeiten hier nicht verhandelt werden. Sie geschehen.
Und während unten die ersten Terrassen geöffnet werden, während irgendwo jemand beschliesst, dass jetzt Frühling sei, bleibt Mürren bei sich. Grau, weiss, ein wenig grün vielleicht in geschützten Ecken. Kein Aufbruch, kein Aufblühen. Noch nicht.
Die Sommerzeit wirkt hier oben grad noch wie ein Fremdkörper. Eine Idee aus einer anderen Welt, in der Zeit eine Ressource ist, die man optimieren kann. Eine Stunde gewinnen, eine Stunde verlieren, als wäre das ein Geschäft. In Mürren hingegen ist Zeit kein Konto.
Man steht auf, geht hinaus, atmet. Die Luft ist klar, auch wenn der Himmel es nicht ist. Schritte knirschen im Schnee, Gespräche entstehen beiläufig, verschwinden wieder. Niemand spricht von der verlorenen Stunde. Vielleicht, weil hier nichts verloren geht, was nicht ohnehin fliesst.
Ostern steht vor der Tür. Ein Fest der Auferstehung, der Wiederkehr, des Neubeginns. Doch die Natur hier oben hat ihre eigene Dramaturgie. Sie lässt sich nicht drängen. Sie kennt keinen Kalender, keine Termine, keine symbolischen Daten. Sie kommt, wenn sie kommt.
Der eigentliche Luxus dieses Ortes. Dass er nicht mitmacht, wenn unten alles schneller wird. Dass er uns zwingt, die Differenz auszuhalten zwischen dem, was sein sollte, und dem, was ist.
Sommerzeit. Eine Stunde weniger Schlaf. Eine Stunde mehr Licht, irgendwo.
In Mürren bleibt es vorerst dabei: kalt, verhangen, still.
Und ein leises, fast unsichtbares Lachen.

