Salat.

Jeden Frühling beginnt in Mürren eine der unterschätztesten Produktionen des Dorfes. Nicht auf Baustellen, Skipisten oder Hotelterrassen. Im Nachbargarten. Dort wächst Salat.

MRRN: Salat. Fotografie: Daniel Frei

Direkt nebenan beginnt jedes Jahr dasselbe Schauspiel. In Nachbars Garten, wo nicht nur das Gras grüner ist. Zuerst erscheinen einige kleine grüne Pflänzchen. Unauffällig. Harmlos. Verletzlich. Niemand würde vermuten, dass daraus wenige Wochen später ein ausgewachsener Konflikt entsteht.

Denn kaum ist der Salat gesetzt, spricht sich die Neuigkeit herum. Die Schnecken erfahren davon. Die Gämsen auch. Diverse Vögel scheinen ebenfalls informiert zu werden.

Und von diesem Moment an lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.

Zäune werden errichtet. Netze gespannt. Regelmässige Kontrollen durchgeführt. Verdächtige Bewegungen und Spuren registriert. Der Salat selbst beteiligt sich nicht an den Diskussionen. Er wächst weiter. Tag für Tag. Blatt für Blatt. Während ringsherum ein stiller Kampf um seine Zukunft geführt wird.

Die Gämsen verfolgen dabei eine eher direkte Strategie. Sie würden die Angelegenheit gerne an Ort und Stelle erledigen.

Die Schnecken arbeiten subtiler. Sie erscheinen meist nachts. Wie viele erfolgreiche Organisationen.

Trotzdem gelingt es meinen Nachbarn jedes Jahr wieder, eine beachtliche Ernte durchzubringen. Irgendwann stehen dort Reihen von Salatköpfen. Frisch. Grün. Vollständig. Ein kleiner Erfolg der lokalen Landwirtschaft.

Kurz darauf verschwinden sie wieder.

Nicht wegen der Gämsen. Nicht wegen der Schnecken. Sondern weil sie ihren letzten Bestimmungsort erreichen. Die Restaurants des Dorfes. Dort landen sie auf Tellern, begleitet von freundlichen Gesprächen und dem Eindruck, frischer könne Salat kaum sein. Was meistens stimmt. Zwischen Beet und Mittagessen liegen oft nur wenige Stunden.

Wer die Geschichte kennt, betrachtet den Salat danach etwas anders.

Weniger als Beilage. Mehr als Überlebender.

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Wolkenkratzer.

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Fernsicht.