Mürren Mon Amour
Zwischen Höhenluft und Herz
Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.
Wand.
Ich habe wahrscheinlich ganz sicher die schönste Wand der Welt vor meinem Fenster.
Ich habe wahrscheinlich ganz sicher die schönste Wand der Welt vor meinem Fenster.
Vor meinem Fenster steht eine Wand.
Sie ist groß.
Ein Prachtexemplar.
Morgens wird sie manchmal golden.
Bei schlechtem Wetter verschwindet sie ganz.
Man könnte sagen, sie verstellt mir die Aussicht.
Tatsächlich ist sie die Aussicht.
Ich habe wahrscheinlich ganz sicher die schönste Wand der Welt vor meinem Fenster.
Vielleicht auch das schönste Brett vor dem Kopf.
Wer weiss.
Verlässlich.
Verlässlichkeit lebt davon, dass dasselbe wieder geschieht.
Hier stand schon einmal Altkarton. Heute wieder. Weil Verlässlichkeit davon lebt, dass dasselbe wieder geschieht.
Das Bild ist ein anderes. Die Schachteln auch. Die Paletten sind vermutlich dieselben. Wieder steht Karton an der Strasse. Gefaltet, gestapelt, ineinandergeschoben. Bereit, abgeholt zu werden.
Für eine Feldnotiz ist das zunächst ungünstig. Für eine Altkartonsammlung ist es der Sinn der Sache.
Sie findet statt.
Dann wieder.
Und wieder.
Man stellt den Karton hinaus, weil man weiss, dass jemand kommt. Nicht ungefähr. Nicht irgendwann. Sondern wenn es im Kalender steht.
Das ist im Unterland nicht anders.
Auch dort werden Papier, Karton und Kehricht eingesammelt. Strassen gereinigt, Briefe zugestellt, Leitungen unterhalten und Wege freigehalten. Meist bemerkt man es erst, wenn etwas davon nicht geschieht.
In Mürren liegt zwischen den Häusern etwas mehr Höhe.
Das ändert weniger, als man von aussen annimmt.
Ein Bergdorf wird nicht durch Berge allein bewohnbar. Es braucht Fahrpläne, Sammeltermine und Menschen, die erscheinen, wenn sie angekündigt sind.
Die Höhe darf spektakulär sein.
Der Alltag besser nicht.
Die Alpen können warten.
Heute ist Karton.
Regenbogenkomet.
Die Perseiden ziehen über den Himmel. Vis-à-vis von Mürren ist einer eingeschlagen. Zumindest sah es so aus.
Die Perseiden ziehen über den Himmel. Vis-à-vis von Mürren ist einer eingeschlagen. Zumindest sah es so aus.
Er kam weder aus Richtung Perseus, noch war er besonders schnell. Eigentlich bewegte er sich überhaupt nicht. Trotzdem stand ein farbiger Schweif rechts vom Schwarzmönch und endete ziemlich genau auf der grünen Wiese.
Rot.
Orange.
Ein wenig Gelb.
Grün.
Ein wenig Blau.
Violett.
Sonnenlicht, Wassertröpfchen, Brechung, Reflexion: meteorologisch vollständig erklärbar.
Nur: Die Sache sieht von Mürren aus anders aus.
Als ob sich ein kleiner Komet bei der Wahl seines Aggregatzustands vertan hätte. Die echten Perseiden entstehen aus Staubteilchen des Kometen Swift-Tuttle und treffen mit grosser Geschwindigkeit auf die Erdatmosphäre, leuchten kurz auf, um wieder zu verschwinden. Dieser hier nahm sich Zeit.
Er stand eine Weile im Regen über dem Berg, leuchtete in allen verfügbaren Farben und machte keine Anstalt, weiterzufliegen. Auch ein Einschlag war nicht zu hören. Doch nur ein Regenbogen?
Astronomisch enttäuschend. Für die Aussicht mehr als ausreichend.
Sachschaden ist auch keiner entstanden.
Herbstboten.
Die ersten Herbstboten tragen Rucksäcke und fahren wieder ins Tal.
Der Herbst kündigt sich hier nicht erst mit bunten Blättern an. Die ersten Herbstboten tragen bunte Rucksäcke und fahren wieder ins Tal. Es werden langsam weniger.
Die Bäume lassen sich Zeit. Auch das Gras weiss noch nichts Genaueres. Dafür werden die Ströme dünner.
Nicht plötzlich. Es gibt keinen Tag, an dem der Sommer abreist und der Herbst übernimmt. Noch immer kommen sie ab Vormittag, ziehen durch das Dorf, bleiben stehen, schauen, fotografieren und gehen weiter, meist hinauf.
Aber zwischen den Gruppen entstehen Lücken.
Auf den Wegen wird wieder etwas Platz. Aus dem Stimmengewirr werden einzelne Stimmen. Man kann stehen bleiben, ohne selbst sofort Teil eines kleinen Verkehrsproblems zu werden.
Im Unterland kündigt sich der Herbst möglicherweise anders an: ein erstes gelbes Blatt, Kastanien auf dem Boden, Nebel am Morgen, etwas frischer.
In Mürren lässt er sich zunächst an der Personendichte ablesen. Auch die Blätter werden fallen, zuerst aber fällt der Andrang.
Niesel.
Manches entzieht sich der Sprache. Weil es zu fein ist. Zu leise. Und zu wenig entschieden.
Manches entzieht sich der Sprache. Weil es zu fein ist. Zu leise. Und zu wenig entschieden.
Die App sagt: «Niesel». Oder Sprühnebel. Oder Nieselregen. Oder Sprühregen. Wörter, die alle treffen und doch danebenliegen. Sie beschreiben das Phänomen, nicht das Gefühl. Niesel aber ist kein Wetter. Es ist eine Übergangsform.
Zwischen Nebel und Regen.
Zwischen Sommer und Herbst.
Zwischen Sicht und Verschwinden.
Zwischen Berührung und Durchdringung.
Man geht hinaus und merkt es nicht sofort. Kein Regen, der fällt. Nichts Tropfendes, nichts Messbares, ein Schweben eher, ein feiner, zögerlicher Umstand. Der Nebel hat sich entschieden, näher zu kommen, nicht mehr Raum, sondern Kontakt zu sein.
Dann ist er da.
Auf der Haut.
Auf den Wimpern.
Den Lippen.
Eine Idee von Wasser.
Man wird nicht nass. Nicht ‘mal richtig feucht. Doch die Welt bekommt einen Film, spürbar.
Niesel ist Intimität.
Er ist das Gegenteil von Distanz und der Raum zwischen dir und der Welt löst sich auf. Es gibt kein Dazwischen mehr, alles ist leicht verbunden und durchlässig.
In Mürren, wenn das Wolkenmeer steigt und sich in die Wege legt, wird er körperlich. Die Berge treten zurück. Nicht verschwunden, halt weniger insistierend. Der Schwarzmönch wird zur Ahnung, die Jungfrau zur Linie, die sich gleich wieder auflösen könnte.
Und du gehst.
Nicht zielgerichtet.
Nicht verloren.
Einfach darin.
Karthago.
In Rom soll Cato seine Reden mit dem Satz beendet haben, Karthago müsse zerstört werden; in Mürren gibt es dieses Verfahren ebenfalls.
In Rom soll Cato seine Reden mit dem Satz beendet haben, Karthago müsse zerstört werden. Ganz gleich, worum es vorher ging. In Mürren gibt es dieses Verfahren ebenfalls. Nur Karthago wechselt.
Heute Morgen ging es um das Wetter. Dann um eine Kuh auf dem Weg. Dann um den Fahrplan. Dann landeten wir bei den Tagestouristen. Das passiert hier öfter. Man beginnt bei etwas Kleinem und endet zuverlässig bei etwas Grundsätzlichem: Für den einen sind es die Zweitwohnungen, für die andere die Bahnen. Für den nächsten die Hotels. Die Gemeinde. Die Investoren. Die alten Familien. Die neuen Leute. Die Preise. Der Schnee. Der fehlende Schnee. Oder Menschen, die nicht grüssen.
Jeder hat sein Karthago.
Und wie bei Cato spielt es keine grosse Rolle, womit das Gespräch angefangen hat. Man redet über eine neue Speisekarte und landet beim Tourismus. Über eine Renovation und landet bei den Wohnungen. Über den Sommer und landet beim Winter. Über einen Hund und dann bei der Frage, was aus Mürren eigentlich werden soll. Das Dorf ist klein genug, damit alles mit allem zusammenhängt.
Wer sich über Touristen aufregt, spricht oft über Nähe. Wer über Zweitwohnungen spricht, über Verfügbarkeit. Wer über neue Investoren spricht, über Kontrolle. Wer den früheren Zeiten nachtrauert, über Verlust. Und wer Veränderung fordert, meistens ebenfalls. Nur in die andere Richtung. Das macht die Gespräche nicht einfacher, aber verständlicher. Denn jeder verteidigt etwas. Manchmal eine Gewohnheit, einen Vorteil, eine Erinnerung oder tatsächlich das Dorf. Nur eben nicht immer dasselbe.
Das Mürren des Hoteliers ist nicht ganz das Mürren des Einheimischen. Das des Zweitwohnungsbesitzers nicht jenes der Saisonangestellten. Das des Gastes nicht jenes des Bauern. Und das Mürren von gestern ohnehin nicht mehr jenes von heute. Aber alle sprechen vom selben Ort.
Darum braucht jedes Dorf sein Karthago: ein Thema, an dem sich festmachen lässt, was gerade bedroht scheint. Es gibt den Gesprächen Richtung, manchmal einen Gegner, und das ist praktisch. Komplizierter wird es, wenn Karthago verschwände. Denn dann bräuchte es ein neues.
«Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.»
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.
Cato hatte es einfacher. Seines hiess immer gleich. Karthago wurde 146 v. Chr. zerstört. Mürren steht noch, die Diskussionen dauern an.
Flohmi.
Zweimal Zermatt, dazwischen Mürren.
Zweimal Zermatt, dazwischen Mürren.
Flohmi. Man schaut, nimmt etwas in die Hand, stellt es wieder zurück. Dann liegt da Mürren. Unvermittelt. Eine alte touristische Darstellung, etwas abgegriffen, mit Kühen im Vordergrund und Bergen dahinter. Unten gross der Name:
MÜRREN.
Darunter, zur Sicherheit:
BERGBAHN.
1650 M.ü.M.
FUNICULAIRE.
SUISSE.
BERNER OBERLAND.
SWITZERLAND.
Man wollte offenbar keine Missverständnisse.
Darüber lag Zermatt.
Matterhorn.
ZERMATT.
Darunter ebenfalls Zermatt.
Matterhorn.
ZERMATT.
Das Matterhorn brauchte schon damals wenig Erklärung. Ein Berg. Ein Name. Fertig. Mürren musste etwas mehr auffahren. Kühe. Bergwelt. Bergbahn. Höhe. Land. Region. Und nochmals Land, diesmal international verständlich.
Frühes alpines Standortmarketing. Das Matterhorn war bereits eine Marke, bevor irgendjemand von Marken sprach. Mürren erst ein Versprechen, das noch etwas erläutert werden musste.
Das Interessantere war aber etwas anderes. Ich stand mitten in Zürich, ein paar Strassen von meiner Wohnung entfernt, und vor mir lag plötzlich Mürren. Weder gesucht noch angekündigt. Einfach zwischen zwei Zermatts.
Offenbar nimmt man einen Ort so sehr mit sich, dass er beginnt, an anderen Orten aufzutauchen. Auf Flohmärkten, in alten Bildern, in Gesprächen. Ich habe Mürren genommen. Die beiden Zermatts blieben liegen.
Man muss nicht alles sammeln.
Mutterkuh.*
Wer das Warnschild erkennt, ist bereits gut unterwegs.
Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig. Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.
Die Kleinen fressen, dösen, spielen, stehen etwas abseits oder dicht bei der Mutter. Die Kühe tun, was Kühe tun:
Sie passen auf.
Mutterkühe haben einen ausgeprägten Schutzinstinkt. Kommt jemand der Herde, besonders einem Kalb, zu nahe, kann aus einem friedlich grasenden ziemlich schnell ein resolutes Muttertier werden. Wandernde mit Hunden sind dabei besonders heikel: Hunde können von Rindern als Bedrohung wahrgenommen werden. Die wichtigste Regel:
Abstand.
Nicht zwischen Kuh und Kalb hindurchgehen. Kälber nicht anfassen. Die Herde grosszügig umgehen. Stehen die Tiere auf dem Weg, wartet man, weicht aus, kehrt notfalls um und geht einen Umweg. Der Wanderweg besitzt kein Vortrittsrecht gegenüber einer Mutter.
Meist kündigt eine Kuh an, wenn ihr etwas nicht gefällt.
Sie richtet ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf einen.
Hebt und senkt den Kopf.
Schnaubt.
Scharrt.
Muht vielleicht.
Die Herde wird unruhig.
Spätestens dann ist die Diskussion beendet. Ruhig bleiben. Abstand vergrössern. Langsam zurückweichen. Nicht rennen, nicht provozieren, nicht versuchen, doch noch irgendwie durchzukommen. Die Schweizer Wanderwege empfehlen bei Mutterkuhherden ausdrücklich: Distanz halten, Kälber nie berühren, Hunde an kurzer Leine führen. Greifen Kühe einen angeleinten Hund tatsächlich an, Leine loslassen und dem Hund die Flucht ermöglichen.
Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig.
Darauf ist eine Kuh.
Daneben stehen Kühe.
Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.
Und wer sie nicht erkennt, sollte vielleicht trotzdem umdrehen.
Die Mutter entscheidet.
*Dieser Text basiert auf Empfehlungen der Schweizer Wanderwege.
Whale Watching.
Whale Watching in Mürren, aber die Tiere verhalten sich ausgesprochen scheu.
Whale Watching gibt es auch in Mürren. Die Tiere aber verhalten sich ausgesprochen scheu.
Man erkennt die Situation sofort: Ein paar Menschen stehen da. Andere kommen. Jemand hebt das Telefon. Jemand zeigt in die Ferne. Ein Kind schaut hin, wohin alle schauen. Dann stehen sie gemeinsam vor Schwarzmönch, Jungfrau, Mönch und Eiger und schauen.
Was genau ist nicht immer klar.
Vielleicht das Licht. Vielleicht eine Wolke. Vielleicht einen Gleitschirm. Vielleicht einfach die Berge. Es spielt keine Rolle, entscheidend ist mehr die Haltung: Man steht, man schaut, man arrangiert, man wartet. Beim Whale Watching wäre das der Moment, in dem jemand ruft:
Da!
In Mürren ruft selten jemand. Die Hauptattraktion bewegt sich nicht besonders schnell. Sie steht seit einiger Zeit ungefähr am selben Ort. Das macht aber die Beobachtung nicht weniger intensiv. Im Gegenteil.
Man fotografiert. Vergleicht Ausschnitte. Rearrangiert und -inszeniert. Schaut nochmals ohne Kamera. Dann wieder mit ihr, durch sie. Und bleibt dann doch länger stehen, als ursprünglich vorgesehen.
Bisher wurden keine Wale gesichtet.
Die Aussichten gelten trotzdem als ausgezeichnet.
Altkarton.
Abfall hat einen Termin.
Gestern war Altkartonsammlung. Darum stand Mürren voller Schachteln. Sauber gefaltet, ineinandergeschoben, verschnürt und an die Strasse gestellt. Auch Abfall hat hier einen Termin.
Einmal im Monat kommt der Karton weg.
Das weiss man. Also beginnt das Dorf am Vortag, seine Verpackungen herauszugeben. Schachteln von Lebensmitteln, Lieferungen, Geräten, Umzügen und Dingen, an die sich niemand mehr genau erinnert. Was einst etwas geschützt, getragen oder angekündigt hat, wird flachgedrückt und gebündelt.
Nicht irgendwie.
Ordentlich. Die grossen Schachteln nehmen die kleinen auf. Flache Stücke werden aufeinandergelegt. Eine Schnur hält zusammen, was während eines Monats auseinandergefallen ist.
Am Strassenrand entstehen kleine Archive des Konsums.
Hier wurde bestellt. Dort geliefert. Da ausgepackt. Manche Bündel sind sachlich. Andere ehrgeizig. Einige sehen aus, als könnten sie ohne Weiteres noch einmal umziehen. Bis frühmorgens stehen sie vor den Häusern und warten.
Dann verschwinden sie.
Und Mürren beginnt von vorn, neuen Karton zu sammeln. Monat für Monat. Fein sortiert. Gut gebündelt. Wie es sich für ein Dorf gehört, das seine Reste ordentlich verabschiedet.
Kreuzotter.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.
Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.
Sie erscheint. Sie verschwindet.
Und überlässt uns das Anstehen.
1. August.
Mürren trägt heute Schweiz.
Mürren trägt heute Schweiz.
An Balkonen, Hauswänden und Zäunen hängen Fahnen, Girlanden und andere Zeichen der Zugehörigkeit. Ob das Patriotismus ist oder Folklore, lässt sich von aussen weder beobachten noch entscheiden. Man muss es auch nicht.
Das Dorf: geschmückt.
Rot und Weiss an den Häusern. Kleine Fahnen in Blumenkästen. Girlanden über Eingängen. Stoff, Papier, Kunststoff. Die Schweiz in verschiedenen Formaten.
Manche Dekorationen hängen vermutlich jedes Jahr am selben Ort. Andere wurden eigens für heute hervorgeholt. Zusammen ergeben sie ein Dorf, das für einen Tag etwas deutlicher sagt, wo es liegt.
Oder wozu es gehören möchte.
Patriotismus ist ein grosses Wort. Folklore das etwas bequemere. In Mürren liegen beide nahe beieinander.
Die Fahne kann Bekenntnis sein. Gewohnheit. Gastfreundschaft. Dekoration. Erinnerung. Oder schlicht etwas, das am 1. August dazugehört, wie Feuer, Musik und der Geruch von Grilliertem.
Zugehörigkeit beginnt ohnehin selten mit einer klaren Überzeugung. Dafür mit Wiederholung.
Mit demselben Fest.
Denselben Farben.
Denselben Liedern, selbst wenn nicht mehr alle mitsingen.
Am Abend werden die Girlanden im Wind hängen, die Fahnen vor den dunklen Bergen leuchten und irgendwo wird jemand erklären, was die Schweiz ausmacht.
Das Dorf hat seine Antwort bereits aufgehängt.
Allenthalben.
Und ein wenig schief.
Lila.
Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner: jetzt übernimmt Lila.
Der Sommer zieht sich langsam aus den Wiesen zurück. Auch wenn dies der Hitze noch nicht mitgeteilt wurde. Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner. Und ausgerechnet jetzt übernimmt Lila.
Im Frühling beginnt Mürren mit Gelb und Weiss. Dann kommt das satte Grün. Später Blau, Rot, Rosa und alles, was eine Bergwiese während einiger Wochen aufzubieten hat.
Im August aber verändert sich die Farbordnung.
Das Gras verliert an Glanz. Die Halme werden strohig. Die Wiesen sehen aus, als hätte der Sommer beschlossen, nicht mehr täglich frisch zu erscheinen.
Und dann taucht Lila auf.
Punktuell. In kleinen Inseln, einzelnen Köpfen, Glocken, Rispen und ganzen Sträuchern. Besenheide, Witwenblume, alpine Glockenblume und das Wald-Weidenröschen. Botanisch haben sie wenig miteinander zu tun. Farblich aber haben sie sich abgesprochen.
Die Besenheide bleibt niedrig und verteilt ihr Violett grosszügig über den Boden.
Die Witwenblume steht einzeln da, rund und ordentlich, als hätte sie einen Termin.
Die Glockenblume hängt etwas nach unten und wirkt, als wüsste sie bereits, dass der Sommer nicht ewig dauert.
Das Weidenröschen dagegen kennt keine Zurückhaltung. Es blüht hoch, rosa-violett und mit der Energie einer Pflanze, die auch aus einer gerodeten Fläche noch eine Bühne macht.
Zusammen geben sie den verbraunten Wiesen einen Lilastich. Nicht genug, um den Sommer zurückzubringen. Aber genug, um seinen Abgang mehr als anständig zu gestalten.
Deshalb ist Lila die richtige Farbe für diese Wochen. Nicht mehr ganz Sommer. Noch lange nicht Herbst. Eine Farbe dazwischen.
Mürren trägt sie nur für kurze Zeit.
Dafür sehr überzeugend.
Schnägg.
Sie überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
In Mürren leben Schnecken bis weit hinauf zwischen Wiesen, Wald, Gärten und Geröll. Nach Regen verlassen sie ihre Verstecke und überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
Kein Haus. Dafür einen Fuss, und der ist nicht schlank.
Zoologisch gesehen besteht eine Nacktschnecke zu einem beträchtlichen Teil aus diesem einen muskulösen Organ. Damit gleitet sie über Steine, Erde und Holz. Eine Schleimspur vermindert die Reibung, schützt den Körper und markiert zuverlässig, wo sie bereits gewesen ist.
Besagtes Tier auf dem Weg gehört erkennbar zu den Wegschnecken. Welche Art genau? Rote, braune und orangefarbene Vertreter können einander stark ähneln. Kurz, man weiss es nicht.
Vorn trägt sie zwei lange Fühler mit Augen an den Spitzen. Darunter befinden sich zwei kürzere, die vor allem Geruch und Berührung wahrnehmen. Werden die Verhältnisse unübersichtlich, zieht sie alles ein.
Eine vernünftige Einrichtung.
Viele fressen welkende Pflanzen, Pilze, Algen und abgestorbenes Material. Damit beseitigen sie, etwas unauffällig, was andere liegen lassen. Dass sie gelegentlich auch frisches Grün schätzen, hat ihrem Ruf stärker geschadet als ihre gesamte ökologische Arbeit ihm nützt. Pro Natura nennt Nacktschnecken deshalb die «Geier des Gartens».
Diese kroch durch den feuchten Schotter.
Langsam wäre das falsche Wort. Sie bewegte sich in der ihr möglichen Geschwindigkeit. Ohne Eile, aber auch ohne erkennbaren Zweifel an der Richtung.
Vielleicht wirkt eine Schnecke nur deshalb langsam, weil wir selbst ständig zu spät sind.
Höiet.
Sommer frisch geschnitten.
Sommer frisch geschnitten.
Die Wiesen sind gemäht. Das Gras liegt in langen, weichen Bahnen über dem Hang und trocknet in der Sonne. Wo gestern noch alles stand, duftet heute der ganze Berg.
Warm.
Grün.
Ein wenig süss.
«Höiet», sagt man hier. Ein kleines Wort für eine grosse Verwandlung.
Die Wiese wird geschnitten, gewendet, gesammelt. Für einen Moment liegt sie einfach da. Der Sommer ist nicht zu überriechen. Man geht daran vorbei und wird langsamer. Emu ig. Des Duftes wegen.
Später wird alles eingebracht sein. Die Hänge werden wieder ordentlich aussehen. Der Wind wird den Rest forttragen.
Aber heute riecht Mürren nach Höiet, als wäre der ganze Sommer frisch geschnitten.
Winterfit.
In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.
In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.
Ende Juli. Die Wiesen riechen nach Höiet. Die Sonne steht warm auf den Hauswänden. Und vor der Werkstatt des Mechanikers warten die ersten Schneeschleudern geduldig auf Zuwendung.
Rot. Schwer. Einsatzbereit wirkend. Nur eben noch nicht ganz.
Sie stehen da wie die Vorhut des Winters. Sorgfältig abgestellt, teilweise zugedeckt, und lassen sich gründlich durchsehen.
Öl.
Riemen.
Ketten.
Was eine Schneeschleuder eben braucht, um später wieder zuverlässig Schneemassen aus dem Weg zu räumen.
In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.
Liebesspiel.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Zwei zitronengelbe Schmetterlinge umflogen sich über der Wiese. Mit heftigem Flügelschlag stiegen sie im warmen Aufwind hoch, stiessen gegeneinander, trennten sich, fielen wieder ab und fanden sich kurz darauf von Neuem.
Ein Liebesspiel aus Annäherung, Flucht, Angriff und Rückkehr.
Es sah nicht besonders friedlich aus. Eher nach einer Beziehung, die bereits eine gemeinsame Geschichte hatte.
Ich blieb stehen und schaute zu.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie. Bei Schmetterlingen nennt man es Naturbeobachtung und darf sogar die Kamera holen.
Als ich zurückkam, waren sie verschwunden.
Salat.
In Mürren lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.
Jeden Frühling beginnt in Mürren eine der unterschätztesten Produktionen des Dorfes. Nicht auf Baustellen, Skipisten oder Hotelterrassen. Im Nachbargarten. Dort wächst Salat.
Direkt nebenan beginnt jedes Jahr dasselbe Schauspiel. In Nachbars Garten, wo nicht nur das Gras grüner ist. Zuerst erscheinen einige kleine grüne Pflänzchen. Unauffällig. Harmlos. Verletzlich. Niemand würde vermuten, dass daraus wenige Wochen später ein ausgewachsener Konflikt entsteht.
Denn kaum ist der Salat gesetzt, spricht sich die Neuigkeit herum. Die Schnecken erfahren davon. Die Gämsen auch. Diverse Vögel scheinen ebenfalls informiert zu werden.
Und von diesem Moment an lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.
Zäune werden errichtet. Netze gespannt. Regelmässige Kontrollen durchgeführt. Verdächtige Bewegungen und Spuren registriert. Der Salat selbst beteiligt sich nicht an den Diskussionen. Er wächst weiter. Tag für Tag. Blatt für Blatt. Während ringsherum ein stiller Kampf um seine Zukunft geführt wird.
Die Gämsen verfolgen dabei eine eher direkte Strategie. Sie würden die Angelegenheit gerne an Ort und Stelle erledigen.
Die Schnecken arbeiten subtiler. Sie erscheinen meist nachts. Wie viele erfolgreiche Organisationen.
Trotzdem gelingt es meinen Nachbarn jedes Jahr wieder, eine beachtliche Ernte durchzubringen. Irgendwann stehen dort Reihen von Salatköpfen. Frisch. Grün. Vollständig. Ein kleiner Erfolg der lokalen Landwirtschaft.
Kurz darauf verschwinden sie wieder.
Nicht wegen der Gämsen. Nicht wegen der Schnecken. Sondern weil sie ihren letzten Bestimmungsort erreichen. Die Restaurants des Dorfes. Dort landen sie auf Tellern, begleitet von freundlichen Gesprächen und dem Eindruck, frischer könne Salat kaum sein. Was meistens stimmt. Zwischen Beet und Mittagessen liegen oft nur wenige Stunden.
Wer die Geschichte kennt, betrachtet den Salat danach etwas anders.
Weniger als Beilage. Mehr als Überlebender.
Luftgespräche.
Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Die wenigsten schweben lautlos durch die Landschaft.
Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Manche schweben lautlos durch die Landschaft. Andere führen währenddessen Gespräche. Über das Mittagessen. Über die Ferien. Über das Wetter. Über alles Mögliche.
Von meinem Fenster aus kann ich sie beobachten. Sie kommen von der Schilthornseite. Von Birg. Von Mürren. Einige ziehen lautlos vorbei. Die meisten sprechen. Manchmal höre ich nur einzelne Wörter. Manchmal ganze Sätze. «Und links sieht man jetzt …», «Wow.», «Das ist unglaublich.», «Hast du die Kühe gesehen?»
Oder: «Nachher gehen wir noch etwas essen.» Die letzten Meter eines Fluges scheinen für manche Menschen ein guter Moment zu sein, um Pläne für das Mittagessen zu schmieden.
Das fasziniert mich.
Da schwebt man mehrere hundert Meter über dem Lauterbrunnental. Vor einem Eiger, Mönch und Jungfrau. Unter einem die Wiesen. Die Wälder. Die Wasserfälle.
Und trotzdem bleibt genug Raum für Small Talk.
Die eigentliche Leistung des Menschen. Er nimmt sich selbst überallhin mit. Auf Berge. Auf Schiffe. In Flugzeuge. Und offenbar auch unter Gleitschirme.
Die Landschaft erhält dadurch etwas Beruhigendes. Sie muss nicht konstant beeindrucken. Sie darf einfach da sein. Während zwei Menschen über Rösti sprechen. Oder über Kuchen. Oder über die Frage, ob es morgen regnen wird. Oder wie die Schweiz gefällt.
Manchmal hebt jemand die Hand und grüsst auf eine Terrasse hinunter. Gelegentlich wird sogar «En Guete!» gewünscht. Dann gleitet der Schirm weiter Richtung Stechelberg. Das Gespräch ebenfalls.
Das gefällt mir an diesen Luftgesprächen. Die Berge gewinnen zwar fast immer. Aber sie müssen nicht jedes Mal recht behalten.
Dorfe.
Sie frassen. Man erzählte.
Sie frassen. Man erzählte.
Am Morgen stehen die Gämsen manchmal fast vor der Tür. Dort wächst noch ein Rest feiner, frischer Kräuter. Genug, um den Weg ins Dorf zu rechtfertigen. Gestern waren sie besonders nah. So nah, dass man sich nicht mehr einfach nur gegenseitig beobachtete.
Me het dorfet.
«Zäme dorfe» sagt man hier, wenn man zusammensteht, redet, schaut, was läuft, und nicht unbedingt zu einem Ergebnis kommen muss. Sie frassen. Man erzählte, blieb eine Weile beieinander. Dann gingen die einen wieder den Hang hinauf. Und die andere ins Haus.
Was genau besprochen wurde, blieb im Dorf.

