Mürren Mon Amour

Zwischen Höhenluft und Herz

Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.

 
Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Karthago.

In Rom soll Cato seine Reden mit dem Satz beendet haben, Karthago müsse zerstört werden; in Mürren gibt es dieses Verfahren ebenfalls.

In Rom soll Cato seine Reden mit dem Satz beendet haben, Karthago müsse zerstört werden. Ganz gleich, worum es vorher ging. In Mürren gibt es dieses Verfahren ebenfalls. Nur Karthago wechselt.

Heute Morgen ging es um das Wetter. Dann um eine Kuh auf dem Weg. Dann um den Fahrplan. Dann landeten wir bei den Tagestouristen. Das passiert hier öfter. Man beginnt bei etwas Kleinem und endet zuverlässig bei etwas Grundsätzlichem: Für den einen sind es die Zweitwohnungen, für die andere die Bahnen. Für den nächsten die Hotels. Die Gemeinde. Die Investoren. Die alten Familien. Die neuen Leute. Die Preise. Der Schnee. Der fehlende Schnee. Oder Menschen, die nicht grüssen.

Jeder hat sein Karthago.

Und wie bei Cato spielt es keine grosse Rolle, womit das Gespräch angefangen hat. Man redet über eine neue Speisekarte und landet beim Tourismus. Über eine Renovation und landet bei den Wohnungen. Über den Sommer und landet beim Winter. Über einen Hund und dann bei der Frage, was aus Mürren eigentlich werden soll. Das Dorf ist klein genug, damit alles mit allem zusammenhängt.

Wer sich über Touristen aufregt, spricht oft über Nähe. Wer über Zweitwohnungen spricht, über Verfügbarkeit. Wer über neue Investoren spricht, über Kontrolle. Wer den früheren Zeiten nachtrauert, über Verlust. Und wer Veränderung fordert, meistens ebenfalls. Nur in die andere Richtung. Das macht die Gespräche nicht einfacher, aber verständlicher. Denn jeder verteidigt etwas. Manchmal eine Gewohnheit, einen Vorteil, eine Erinnerung oder tatsächlich das Dorf. Nur eben nicht immer dasselbe.

Das Mürren des Hoteliers ist nicht ganz das Mürren des Einheimischen. Das des Zweitwohnungsbesitzers nicht jenes der Saisonangestellten. Das des Gastes nicht jenes des Bauern. Und das Mürren von gestern ohnehin nicht mehr jenes von heute. Aber alle sprechen vom selben Ort.

Darum braucht jedes Dorf sein Karthago: ein Thema, an dem sich festmachen lässt, was gerade bedroht scheint. Es gibt den Gesprächen Richtung, manchmal einen Gegner, und das ist praktisch. Komplizierter wird es, wenn Karthago verschwände. Denn dann bräuchte es ein neues.

«Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.»
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.

Cato hatte es einfacher. Seines hiess immer gleich. Karthago wurde 146 v. Chr. zerstört. Mürren steht noch, die Diskussionen dauern an.

 
Weiterlesen
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Flohmi.

Zweimal Zermatt, dazwischen Mürren.

Zweimal Zermatt, dazwischen Mürren.

MRRN: Flohmi. Fotografie: Daniel Frei

Flohmi. Man schaut, nimmt etwas in die Hand, stellt es wieder zurück. Dann liegt da Mürren. Unvermittelt. Eine alte touristische Darstellung, etwas abgegriffen, mit Kühen im Vordergrund und Bergen dahinter. Unten gross der Name:

MÜRREN.

Darunter, zur Sicherheit:

BERGBAHN.
1650 M.ü.M.
FUNICULAIRE.
SUISSE.
BERNER OBERLAND.
SWITZERLAND.

Man wollte offenbar keine Missverständnisse.

Darüber lag Zermatt.

Matterhorn.

ZERMATT.

Darunter ebenfalls Zermatt.

Matterhorn.

ZERMATT.

Das Matterhorn brauchte schon damals wenig Erklärung. Ein Berg. Ein Name. Fertig. Mürren musste etwas mehr auffahren. Kühe. Bergwelt. Bergbahn. Höhe. Land. Region. Und nochmals Land, diesmal international verständlich.

Frühes alpines Standortmarketing. Das Matterhorn war bereits eine Marke, bevor irgendjemand von Marken sprach. Mürren erst ein Versprechen, das noch etwas erläutert werden musste.

Das Interessantere war aber etwas anderes. Ich stand mitten in Zürich, ein paar Strassen von meiner Wohnung entfernt, und vor mir lag plötzlich Mürren. Weder gesucht noch angekündigt. Einfach zwischen zwei Zermatts.

Offenbar nimmt man einen Ort so sehr mit sich, dass er beginnt, an anderen Orten aufzutauchen. Auf Flohmärkten, in alten Bildern, in Gesprächen. Ich habe Mürren genommen. Die beiden Zermatts blieben liegen.

Man muss nicht alles sammeln.

 
Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Mutterkuh.*

Wer das Warnschild erkennt, ist bereits gut unterwegs.

Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig. Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.

MRRN: Mutterkuh. Fotografie: Daniel Frei

Die Kleinen fressen, dösen, spielen, stehen etwas abseits oder dicht bei der Mutter. Die Kühe tun, was Kühe tun:

Sie passen auf.

Mutterkühe haben einen ausgeprägten Schutzinstinkt. Kommt jemand der Herde, besonders einem Kalb, zu nahe, kann aus einem friedlich grasenden ziemlich schnell ein resolutes Muttertier werden. Wandernde mit Hunden sind dabei besonders heikel: Hunde können von Rindern als Bedrohung wahrgenommen werden. Die wichtigste Regel:

Abstand.

Nicht zwischen Kuh und Kalb hindurchgehen. Kälber nicht anfassen. Die Herde grosszügig umgehen. Stehen die Tiere auf dem Weg, wartet man, weicht aus, kehrt notfalls um und geht einen Umweg. Der Wanderweg besitzt kein Vortrittsrecht gegenüber einer Mutter.

Meist kündigt eine Kuh an, wenn ihr etwas nicht gefällt.

Sie richtet ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf einen.

Hebt und senkt den Kopf.

Schnaubt.

Scharrt.

Muht vielleicht.

Die Herde wird unruhig.

Spätestens dann ist die Diskussion beendet. Ruhig bleiben. Abstand vergrössern. Langsam zurückweichen. Nicht rennen, nicht provozieren, nicht versuchen, doch noch irgendwie durchzukommen. Die Schweizer Wanderwege empfehlen bei Mutterkuhherden ausdrücklich: Distanz halten, Kälber nie berühren, Hunde an kurzer Leine führen. Greifen Kühe einen angeleinten Hund tatsächlich an, Leine loslassen und dem Hund die Flucht ermöglichen.

Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig.

Darauf ist eine Kuh.

Daneben stehen Kühe.

Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.

Und wer sie nicht erkennt, sollte vielleicht trotzdem umdrehen.

Die Mutter entscheidet.

*Dieser Text basiert auf Empfehlungen der Schweizer Wanderwege.

 
Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Whale Watching.

Whale Watching in Mürren, aber die Tiere verhalten sich ausgesprochen scheu.

Whale Watching gibt es auch in Mürren. Die Tiere aber verhalten sich ausgesprochen scheu.

MRRN: Whale Watching. Fotografie: Daniel Frei

Man erkennt die Situation sofort: Ein paar Menschen stehen da. Andere kommen. Jemand hebt das Telefon. Jemand zeigt in die Ferne. Ein Kind schaut hin, wohin alle schauen. Dann stehen sie gemeinsam vor Schwarzmönch, Jungfrau, Mönch und Eiger und schauen.

Was genau ist nicht immer klar.

Vielleicht das Licht. Vielleicht eine Wolke. Vielleicht einen Gleitschirm. Vielleicht einfach die Berge. Es spielt keine Rolle, entscheidend ist mehr die Haltung: Man steht, man schaut, man arrangiert, man wartet. Beim Whale Watching wäre das der Moment, in dem jemand ruft:

Da!

In Mürren ruft selten jemand. Die Hauptattraktion bewegt sich nicht besonders schnell. Sie steht seit einiger Zeit ungefähr am selben Ort. Das macht aber die Beobachtung nicht weniger intensiv. Im Gegenteil.

Man fotografiert. Vergleicht Ausschnitte. Rearrangiert und -inszeniert. Schaut nochmals ohne Kamera. Dann wieder mit ihr, durch sie. Und bleibt dann doch länger stehen, als ursprünglich vorgesehen.

Bisher wurden keine Wale gesichtet.

Die Aussichten gelten trotzdem als ausgezeichnet.

 
Weiterlesen
Brauchtum Daniel Frei Brauchtum Daniel Frei

Altkarton.

Abfall hat einen Termin.

Gestern war Altkartonsammlung. Darum stand Mürren voller Schachteln. Sauber gefaltet, ineinandergeschoben, verschnürt und an die Strasse gestellt. Auch Abfall hat hier einen Termin.

MRRN: Altkarton. Fotografie: Daniel Frei

Einmal im Monat kommt der Karton weg.

Das weiss man. Also beginnt das Dorf am Vortag, seine Verpackungen herauszugeben. Schachteln von Lebensmitteln, Lieferungen, Geräten, Umzügen und Dingen, an die sich niemand mehr genau erinnert. Was einst etwas geschützt, getragen oder angekündigt hat, wird flachgedrückt und gebündelt.

Nicht irgendwie.

Ordentlich. Die grossen Schachteln nehmen die kleinen auf. Flache Stücke werden aufeinandergelegt. Eine Schnur hält zusammen, was während eines Monats auseinandergefallen ist.

Am Strassenrand entstehen kleine Archive des Konsums.

Hier wurde bestellt. Dort geliefert. Da ausgepackt. Manche Bündel sind sachlich. Andere ehrgeizig. Einige sehen aus, als könnten sie ohne Weiteres noch einmal umziehen. Bis frühmorgens stehen sie vor den Häusern und warten.

Dann verschwinden sie.

Und Mürren beginnt von vorn, neuen Karton zu sammeln. Monat für Monat. Fein sortiert. Gut gebündelt. Wie es sich für ein Dorf gehört, das seine Reste ordentlich verabschiedet.

 
Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Kreuzotter.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

MRRN: Kreuzotter. Fotografie: Daniel Frei

Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.

Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.

Sie erscheint. Sie verschwindet.

Und überlässt uns das Anstehen.

 
Weiterlesen
Brauchtum Daniel Frei Brauchtum Daniel Frei

1. August.

Mürren trägt heute Schweiz.

Mürren trägt heute Schweiz.

MRRN: 1. August. Fotografie. Daniel Frei

An Balkonen, Hauswänden und Zäunen hängen Fahnen, Girlanden und andere Zeichen der Zugehörigkeit. Ob das Patriotismus ist oder Folklore, lässt sich von aussen weder beobachten noch entscheiden. Man muss es auch nicht.

Das Dorf: geschmückt.

Rot und Weiss an den Häusern. Kleine Fahnen in Blumenkästen. Girlanden über Eingängen. Stoff, Papier, Kunststoff. Die Schweiz in verschiedenen Formaten.

Manche Dekorationen hängen vermutlich jedes Jahr am selben Ort. Andere wurden eigens für heute hervorgeholt. Zusammen ergeben sie ein Dorf, das für einen Tag etwas deutlicher sagt, wo es liegt.

Oder wozu es gehören möchte.

Patriotismus ist ein grosses Wort. Folklore das etwas bequemere. In Mürren liegen beide nahe beieinander.

Die Fahne kann Bekenntnis sein. Gewohnheit. Gastfreundschaft. Dekoration. Erinnerung. Oder schlicht etwas, das am 1. August dazugehört, wie Feuer, Musik und der Geruch von Grilliertem.

Zugehörigkeit beginnt ohnehin selten mit einer klaren Überzeugung. Dafür mit Wiederholung.

Mit demselben Fest.

Denselben Farben.

Denselben Liedern, selbst wenn nicht mehr alle mitsingen.

Am Abend werden die Girlanden im Wind hängen, die Fahnen vor den dunklen Bergen leuchten und irgendwo wird jemand erklären, was die Schweiz ausmacht.

Das Dorf hat seine Antwort bereits aufgehängt.

Allenthalben.

Und ein wenig schief.

Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Lila.

Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner: jetzt übernimmt Lila.

Der Sommer zieht sich langsam aus den Wiesen zurück. Auch wenn dies der Hitze noch nicht mitgeteilt wurde. Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner. Und ausgerechnet jetzt übernimmt Lila.

MRRN: Lila. Fotografie: Daniel Frei

Im Frühling beginnt Mürren mit Gelb und Weiss. Dann kommt das satte Grün. Später Blau, Rot, Rosa und alles, was eine Bergwiese während einiger Wochen aufzubieten hat.

Im August aber verändert sich die Farbordnung.

Das Gras verliert an Glanz. Die Halme werden strohig. Die Wiesen sehen aus, als hätte der Sommer beschlossen, nicht mehr täglich frisch zu erscheinen.

Und dann taucht Lila auf.

Punktuell. In kleinen Inseln, einzelnen Köpfen, Glocken, Rispen und ganzen Sträuchern. Besenheide, Witwenblume, alpine Glockenblume und das Wald-Weidenröschen. Botanisch haben sie wenig miteinander zu tun. Farblich aber haben sie sich abgesprochen.

Die Besenheide bleibt niedrig und verteilt ihr Violett grosszügig über den Boden.

Die Witwenblume steht einzeln da, rund und ordentlich, als hätte sie einen Termin.

Die Glockenblume hängt etwas nach unten und wirkt, als wüsste sie bereits, dass der Sommer nicht ewig dauert.

Das Weidenröschen dagegen kennt keine Zurückhaltung. Es blüht hoch, rosa-violett und mit der Energie einer Pflanze, die auch aus einer gerodeten Fläche noch eine Bühne macht.

Zusammen geben sie den verbraunten Wiesen einen Lilastich. Nicht genug, um den Sommer zurückzubringen. Aber genug, um seinen Abgang mehr als anständig zu gestalten.

Deshalb ist Lila die richtige Farbe für diese Wochen. Nicht mehr ganz Sommer. Noch lange nicht Herbst. Eine Farbe dazwischen.

Mürren trägt sie nur für kurze Zeit.

Dafür sehr überzeugend.

Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Schnägg.

Sie überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.

In Mürren leben Schnecken bis weit hinauf zwischen Wiesen, Wald, Gärten und Geröll. Nach Regen verlassen sie ihre Verstecke und überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.

MRRN: Schnägg. Fotografie: Daniel Frei

Kein Haus. Dafür einen Fuss, und der ist nicht schlank.

Zoologisch gesehen besteht eine Nacktschnecke zu einem beträchtlichen Teil aus diesem einen muskulösen Organ. Damit gleitet sie über Steine, Erde und Holz. Eine Schleimspur vermindert die Reibung, schützt den Körper und markiert zuverlässig, wo sie bereits gewesen ist.

Besagtes Tier auf dem Weg gehört erkennbar zu den Wegschnecken. Welche Art genau? Rote, braune und orangefarbene Vertreter können einander stark ähneln. Kurz, man weiss es nicht.

Vorn trägt sie zwei lange Fühler mit Augen an den Spitzen. Darunter befinden sich zwei kürzere, die vor allem Geruch und Berührung wahrnehmen. Werden die Verhältnisse unübersichtlich, zieht sie alles ein.

Eine vernünftige Einrichtung.

Viele fressen welkende Pflanzen, Pilze, Algen und abgestorbenes Material. Damit beseitigen sie, etwas unauffällig, was andere liegen lassen. Dass sie gelegentlich auch frisches Grün schätzen, hat ihrem Ruf stärker geschadet als ihre gesamte ökologische Arbeit ihm nützt. Pro Natura nennt Nacktschnecken deshalb die «Geier des Gartens».

Diese kroch durch den feuchten Schotter.

Langsam wäre das falsche Wort. Sie bewegte sich in der ihr möglichen Geschwindigkeit. Ohne Eile, aber auch ohne erkennbaren Zweifel an der Richtung.

Vielleicht wirkt eine Schnecke nur deshalb langsam, weil wir selbst ständig zu spät sind.

 
Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Höiet.

Sommer frisch geschnitten.

Sommer frisch geschnitten.

MRRN: Heuet. Fotografie: Daniel Frei

Die Wiesen sind gemäht. Das Gras liegt in langen, weichen Bahnen über dem Hang und trocknet in der Sonne. Wo gestern noch alles stand, duftet heute der ganze Berg.

Warm.

Grün.

Ein wenig süss.

«Höiet», sagt man hier. Ein kleines Wort für eine grosse Verwandlung.

Die Wiese wird geschnitten, gewendet, gesammelt. Für einen Moment liegt sie einfach da. Der Sommer ist nicht zu überriechen. Man geht daran vorbei und wird langsamer. Emu ig. Des Duftes wegen.

Später wird alles eingebracht sein. Die Hänge werden wieder ordentlich aussehen. Der Wind wird den Rest forttragen.

Aber heute riecht Mürren nach Höiet, als wäre der ganze Sommer frisch geschnitten.

Weiterlesen
Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Winterfit.

In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.

In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.

MRRN: Winterfit. Fotografie: Daniel Frei

Ende Juli. Die Wiesen riechen nach Höiet. Die Sonne steht warm auf den Hauswänden. Und vor der Werkstatt des Mechanikers warten die ersten Schneeschleudern geduldig auf Zuwendung.

Rot. Schwer. Einsatzbereit wirkend. Nur eben noch nicht ganz.

Sie stehen da wie die Vorhut des Winters. Sorgfältig abgestellt, teilweise zugedeckt, und lassen sich gründlich durchsehen.

Öl.

Riemen.

Ketten.

Was eine Schneeschleuder eben braucht, um später wieder zuverlässig Schneemassen aus dem Weg zu räumen.

In Mürren beginnt der Winter nicht mit dem ersten Schnee, sondern mit einem Termin beim Mechaniker.

 
Weiterlesen
Natur Daniel Frei Natur Daniel Frei

Liebesspiel.

Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.

Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.

MRRN: Liebespiel. Illustration: Daniel Frei

Zwei zitronengelbe Schmetterlinge umflogen sich über der Wiese. Mit heftigem Flügelschlag stiegen sie im warmen Aufwind hoch, stiessen gegeneinander, trennten sich, fielen wieder ab und fanden sich kurz darauf von Neuem.

Ein Liebesspiel aus Annäherung, Flucht, Angriff und Rückkehr.

Es sah nicht besonders friedlich aus. Eher nach einer Beziehung, die bereits eine gemeinsame Geschichte hatte.

Ich blieb stehen und schaute zu.

Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie. Bei Schmetterlingen nennt man es Naturbeobachtung und darf sogar die Kamera holen.

Als ich zurückkam, waren sie verschwunden.

 
Weiterlesen
Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Salat.

In Mürren lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.

Jeden Frühling beginnt in Mürren eine der unterschätztesten Produktionen des Dorfes. Nicht auf Baustellen, Skipisten oder Hotelterrassen. Im Nachbargarten. Dort wächst Salat.

MRRN: Salat. Fotografie: Daniel Frei

Direkt nebenan beginnt jedes Jahr dasselbe Schauspiel. In Nachbars Garten, wo nicht nur das Gras grüner ist. Zuerst erscheinen einige kleine grüne Pflänzchen. Unauffällig. Harmlos. Verletzlich. Niemand würde vermuten, dass daraus wenige Wochen später ein ausgewachsener Konflikt entsteht.

Denn kaum ist der Salat gesetzt, spricht sich die Neuigkeit herum. Die Schnecken erfahren davon. Die Gämsen auch. Diverse Vögel scheinen ebenfalls informiert zu werden.

Und von diesem Moment an lebt der Salat unter permanentem Beobachtungsdruck.

Zäune werden errichtet. Netze gespannt. Regelmässige Kontrollen durchgeführt. Verdächtige Bewegungen und Spuren registriert. Der Salat selbst beteiligt sich nicht an den Diskussionen. Er wächst weiter. Tag für Tag. Blatt für Blatt. Während ringsherum ein stiller Kampf um seine Zukunft geführt wird.

Die Gämsen verfolgen dabei eine eher direkte Strategie. Sie würden die Angelegenheit gerne an Ort und Stelle erledigen.

Die Schnecken arbeiten subtiler. Sie erscheinen meist nachts. Wie viele erfolgreiche Organisationen.

Trotzdem gelingt es meinen Nachbarn jedes Jahr wieder, eine beachtliche Ernte durchzubringen. Irgendwann stehen dort Reihen von Salatköpfen. Frisch. Grün. Vollständig. Ein kleiner Erfolg der lokalen Landwirtschaft.

Kurz darauf verschwinden sie wieder.

Nicht wegen der Gämsen. Nicht wegen der Schnecken. Sondern weil sie ihren letzten Bestimmungsort erreichen. Die Restaurants des Dorfes. Dort landen sie auf Tellern, begleitet von freundlichen Gesprächen und dem Eindruck, frischer könne Salat kaum sein. Was meistens stimmt. Zwischen Beet und Mittagessen liegen oft nur wenige Stunden.

Wer die Geschichte kennt, betrachtet den Salat danach etwas anders.

Weniger als Beilage. Mehr als Überlebender.

Weiterlesen
Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Luftgespräche.

Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Die wenigsten schweben lautlos durch die Landschaft.

Täglich gleiten Gleitschirme an meinem Fenster vorbei. Manche schweben lautlos durch die Landschaft. Andere führen währenddessen Gespräche. Über das Mittagessen. Über die Ferien. Über das Wetter. Über alles Mögliche.

MRRN: Luftgespräche. Fotografie: Daniel Frei

Von meinem Fenster aus kann ich sie beobachten. Sie kommen von der Schilthornseite. Von Birg. Von Mürren. Einige ziehen lautlos vorbei. Die meisten sprechen. Manchmal höre ich nur einzelne Wörter. Manchmal ganze Sätze. «Und links sieht man jetzt …», «Wow.», «Das ist unglaublich.», «Hast du die Kühe gesehen?»

Oder: «Nachher gehen wir noch etwas essen.» Die letzten Meter eines Fluges scheinen für manche Menschen ein guter Moment zu sein, um Pläne für das Mittagessen zu schmieden.

Das fasziniert mich.

Da schwebt man mehrere hundert Meter über dem Lauterbrunnental. Vor einem Eiger, Mönch und Jungfrau. Unter einem die Wiesen. Die Wälder. Die Wasserfälle.

Und trotzdem bleibt genug Raum für Small Talk.

Die eigentliche Leistung des Menschen. Er nimmt sich selbst überallhin mit. Auf Berge. Auf Schiffe. In Flugzeuge. Und offenbar auch unter Gleitschirme.

Die Landschaft erhält dadurch etwas Beruhigendes. Sie muss nicht konstant beeindrucken. Sie darf einfach da sein. Während zwei Menschen über Rösti sprechen. Oder über Kuchen. Oder über die Frage, ob es morgen regnen wird. Oder wie die Schweiz gefällt.

Manchmal hebt jemand die Hand und grüsst auf eine Terrasse hinunter. Gelegentlich wird sogar «En Guete!» gewünscht. Dann gleitet der Schirm weiter Richtung Stechelberg. Das Gespräch ebenfalls.

Das gefällt mir an diesen Luftgesprächen. Die Berge gewinnen zwar fast immer. Aber sie müssen nicht jedes Mal recht behalten.

 
Weiterlesen
Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Dorfe.

Sie frassen. Man erzählte.

Sie frassen. Man erzählte.

MRRN: Dorfnen. Fotografie: Daniel Frei

Am Morgen stehen die Gämsen manchmal fast vor der Tür. Dort wächst noch ein Rest feiner, frischer Kräuter. Genug, um den Weg ins Dorf zu rechtfertigen. Gestern waren sie besonders nah. So nah, dass man sich nicht mehr einfach nur gegenseitig beobachtete.

Me het dorfet.

«Zäme dorfe» sagt man hier, wenn man zusammensteht, redet, schaut, was läuft, und nicht unbedingt zu einem Ergebnis kommen muss. Sie frassen. Man erzählte, blieb eine Weile beieinander. Dann gingen die einen wieder den Hang hinauf. Und die andere ins Haus.

Was genau besprochen wurde, blieb im Dorf.

 
Weiterlesen
Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Summen.

In Mürren lernt man auch, die Berge mit den Ohren zu lesen. Das Dorf besitzt eine eigene Tonspur.

In Mürren lernt man auch, die Berge mit den Ohren zu lesen. Das Dorf besitzt eine eigene Tonspur. Aus Bahnen, Transformatoren, Bienen, einer Menge von Dingen, die summen.

MRRN: Summen. Fotografie: Daniel Frei

Mürren ist ein Ort der Aussicht. Man hört und liest das ständig. Über das Hören aber spricht kaum jemand. Dabei besitzt das Dorf eine bemerkenswert eigene Geräuschkulisse. Man muss nur kurz stehen bleiben.

Am Morgen beginnt es meist mit den Bienen und Fliegen. Auf den blühenden Wiesen im und um das Dorf hängt ein gleichmässiges Summen in der Luft. Flächig. Als hätte jemand einen unsichtbaren Lautsprecher zwischen die Blumen gestellt. Je wärmer der Tag wird, desto dichter wird der Klang.

Wer regelmässig spazieren geht, beginnt irgendwann zu unterscheiden. Bienen summen anders als Fliegen. Hummeln nochmals anders. Manche Insekten klingen beinahe wie kleine Elektromotoren auf Irrwegen.

Und dann gibt es da die Bahnen.

Das Summen der BLM ist nicht dasselbe wie das der Schilthornbahn. Beide bewegen Menschen den Berg hinauf und hinunter, aber sie tun es mit unterschiedlichen Stimmen. Wer zuhört, erkennt am Geräusch, welche Bahn gerade unterwegs ist.

Dazwischen liegt das Summen der Infrastruktur.

Transformatoren. Technikräume. Elektrizität. Weidezäune. Ein tiefes, stetiges Brummen, das man erst wahrnimmt, wenn das andere kurz still wird. Und interessanterweise fällt einem das erst auf, wenn man beginnt, darauf zu achten. Danach hört man es überall. Mürren besitzt damit eine Art inoffizielles Orchester. Keine Alphörner. Keine Kuhglocken. Nicht heute Morgen. Noch nicht.

Stattdessen Rotoren, Kabel, Bahnen, Bienen und Insekten. Die Berge liefern die Kulisse. Den Rest erledigt das Summen.

Auf meinem Morgenspaziergang begleitet es mich mittlerweile. Mal näher, mal weiter entfernt. Mal von einer Wiese. Mal von einer Bahn. Mal aus einem unscheinbaren grauen Kasten am Wegrand.

Man wird hier oben mit der Zeit nicht nur Berggänger.

Auch Akustiker.

 
Weiterlesen
Mürren Daniel Frei Mürren Daniel Frei

Arbeitspferde.

In anderen Regionen ziehen Arbeitspferde Wagen, Pflüge und Holzstämme. In Mürren tragen sie die Kennung HB-ZUZ.

In anderen Regionen ziehen Arbeitspferde Wagen, Pflüge und Holzstämme. In Mürren tragen sie die Kennung HB-ZUZ, haben fünf Rotorblätter und verbringen ihren Arbeitstag zwischen Felswand, Baustelle und Bergstation.

MRRN: Arbeitspferd. Fotografie: Daniel Frei, Mürren

Wer einige Momente in Mürren verbringt, beginnt sie irgendwann zu unterscheiden. Nicht die Hotels. Nicht die Berge. Die Helikopter. Erst sind sie einfach da. Ein Geräusch am Morgen. Ein Schatten über dem Dorf. Ein kurzer Blick zum Himmel. Später erkennt man ihre Aufgaben. Einer bringt Material auf eine Baustelle. Ein anderer versorgt eine Alphütte. Ein Dritter fliegt Beton, Holz oder Stahl durch das Tal. Manchmal transportieren sie Lasten, die auf keinem Wanderweg und auf keiner Strasse jemals ihr Ziel erreichen würden.

Von unten sieht das erstaunlich leicht aus. Ein paar Gurten. Eine Palette. Ein Container. Dann hebt der Helikopter ab und verschwindet hinter einer Felswand. Wenige Minuten später kehrt er zurück.

Und wieder.

Und wieder.

Wie ein Arbeitspferd.

Die Berge des Berner Oberlands funktionieren zu einem Teil über diese fliegende Infrastruktur. Häuser werden gebaut. Dächer repariert. Material transportiert. Lawinenverbauungen erstellt. Stromleitungen ersetzt. Menschen gerettet. Vieles davon geschieht ausserhalb des Blickfelds der meisten Gäste. Sichtbar wird meist nur der Flug.

Unsichtbar bleibt die Arbeit.

Wer länger hier lebt, beginnt, die Helikopter anders wahrzunehmen. Weniger als Attraktion. Mehr als Teil des Dorfes.

Wie die BLM.

Wie die Schilthornbahn.

Wie die Post.

Man hört sie morgens im Tal. Mittags über den Felswänden. Abends auf dem Rückflug nach Lauterbrunnen. Sie gehören zur Geräuschkulisse der Berge. Unromantisch. Unspektakulär. Einfach notwendig.

Der Airbus H125 mit der Kennung HB-ZUZ gehört zu diesen Arbeitspferden.

Ein leichter Mehrzweckhelikopter, gebaut für genau solche Orte. Für Lasten, die gehoben werden müssen. Für Hänge, die keine Strasse kennen. Für Einsätze, bei denen Zeit und Höhe eine Rolle spielen.

Die Tourismusplakate zeigen Aussicht. Die eigentliche Arbeit fliegt darüber hinweg. Rotorblatt für Rotorblatt.

Weiterlesen
Wetter Daniel Frei Wetter Daniel Frei

Wolkenmeer.

Am frühen Morgen ist das Meer wieder da.

Am frühen Morgen ist das Meer wieder da.

MRRN: Wolkenmeer. Fotografie: Daniel Frei

Es liegt zwischen Stechelberg und Lauterbrunnen, weissgrau und lebendig. Mal ganz ruhig wie die spiegelglatte Wasseroberfläche des Thunersees, mal unruhig und aufgewühlt wie der Myrrenbach nach dem Unwetter.

Oben in Mürren berühren die ersten Sonnenstrahlen schon die Häuser, während unten im Tal alles unter einer dichten Decke verschwindet.

Einzelne Baumwipfel schauen heraus. Später tauchen für ein paar Minuten Dächer auf, bevor sie wieder verschwinden. Vom Terrassenrand aus wirkt das Tal plötzlich viel tiefer als sonst. Eher wie eine Küste.

Die Leute bleiben stehen. Manche fotografieren, andere zeigen einfach mit dem Finger Richtung Westen. Dann gehen sie ihrer Wege.

Gegen zehn Uhr bekommt das Wolkenmeer Risse. Die ganze Schicht bewegt sich langsam talabwärts. Hier schaut eine grüne Wiese hervor, dort ein Stück Strasse. Kurz darauf steht plötzlich der Talboden frei da.

Das Meer zieht sich zurück.

In Mürren gehört so ein Morgen zum Alltag. Man sollte meinen, man gewöhnt sich daran. Tut man aber nicht. Immer wieder bleibt man stehen und schaut.

Dieses Wolkenmeer macht etwas ganz Besonderes: Es verändert die Landschaft nicht wirklich und es verändert doch komplett, wie wir sie wahrnehmen. Auf einmal liegt Mürren nicht mehr hoch über einem Tal, sondern hoch über einer weiten Oberfläche.

Ein Dorf am Meer.

Nur die Schiffe und die Möwen fehlen. Ansonsten ist die Illusion perfekt.

Gegen Mittag ist alles vorbei. Wanderer ziehen über die Wege, und die Wiesen liegen wieder da, wo sie hingehören.

Zurück bleiben nur die Postkarten und das Erleben darum, dass Mürren an manchen Tagen am Meer liegt.

 
Weiterlesen
Wetter Daniel Frei Wetter Daniel Frei

Regen.

Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf.

Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf.

MRRN: Regen. Fotografie: Daniel Frei

Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf. Es donnert. Er grollt. Der Blitz zuckt.

Die Wege glänzen. Die Geländer auch. Wieder. Auf den Fensterbänken sammeln sich kleine Bäche. Aus den Dachrinnen schiesst Wasser. Der Nebel hängt zwischen Berg und Haus.

Die Pollen erleben einen schwierigen Tag. Eine grandiose Niederlage auf ganzer Linie.

Wochenlang schwebten sie nahezu ungestört durch die Luft. Jetzt kleben sie an Fenstern, Autos, Terrassentischen und Wanderwegweisern. Vieles, was gestern noch unsichtbar war, läuft heute als braune Spur durch die Böden, über die Flueh, unausweichlich Richtung Tal.

Auch die Wiesen bekommen eine Pause. Der Boden war stellenweise bereits erstaunlich trocken für Ende Frühling, Anfang Sommer. Die Frühlingssonne hatte in diesem Jahr erneut Überstunden geleistet.

Jetzt aber riecht das Dorf wieder nach nassem Holz, Erde und Gras.

Die Jungfrau verschwunden. Auch der Schwarzmönch: Adieu.

Niemand stört sich daran. Nach den letzten Wochen wirkt die fehlende Aussicht erholsam.

 
Weiterlesen
Wetter Daniel Frei Wetter Daniel Frei

Pollen.

Die Berge sind gestochen scharf. Die Augen vieler nicht.

Die Berge sind gestochen scharf. Die Augen vieler nicht.

Seit einigen Wochen verhält sich Mürren leicht aggressiv.

Die Wiesen stehen in voller Blüte. Auch die Aussicht.

Wanderer bleiben kurz stehen, niesen zweimal und gehen weiter.

Die Berge sind gestochen scharf.

Die Augen vieler Gäste nicht.

Bemerkenswert ist die Gleichzeitigkeit der Dinge. Das Dorf sieht momentan aus wie auf einem Tourismusplakat. Tiefblauer Himmel. Saftige Wiesen. Perfekte Fernsicht. Dazwischen hunderte Menschen, die versuchen herauszufinden, ob das Jucken vom linken oder vom rechten Auge ausgeht.

Die Gräser leisten ganze Arbeit.

Man sieht ihnen nichts an. Sie stehen friedlich oberhalb des Dorfes. Leicht bewegt vom Wind. Dekorativ. Gleichzeitig produzieren sie eine Atmosphäre, die man weder fotografieren noch besonders gut beschreiben kann.

Aber einatmen.

Der Sommer kündigt sich nicht nur durch Wärme an. Sondern auch durch Histamin.

Regen ist angekündigt.

Das Dorf blickt dieser Entwicklung mit einer gewissen Hoffnung entgegen. Die Gräser vermutlich weniger.

Bis dahin bleibt die Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau ausgezeichnet.

Die Sicht durch die eigenen Augen wetterabhängig.

 
Weiterlesen