Mürren Mon Amour

Zwischen Höhenluft und Herz

Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.

 
Brauchtum Daniel Frei Brauchtum Daniel Frei

Altkarton.

Abfall hat einen Termin.

Gestern war Altkartonsammlung. Darum stand Mürren voller Schachteln. Sauber gefaltet, ineinandergeschoben, verschnürt und an die Strasse gestellt. Auch Abfall hat hier einen Termin.

MRRN: Altkarton. Fotografie: Daniel Frei

Einmal im Monat kommt der Karton weg.

Das weiss man. Also beginnt das Dorf am Vortag, seine Verpackungen herauszugeben. Schachteln von Lebensmitteln, Lieferungen, Geräten, Umzügen und Dingen, an die sich niemand mehr genau erinnert. Was einst etwas geschützt, getragen oder angekündigt hat, wird flachgedrückt und gebündelt.

Nicht irgendwie.

Ordentlich. Die grossen Schachteln nehmen die kleinen auf. Flache Stücke werden aufeinandergelegt. Eine Schnur hält zusammen, was während eines Monats auseinandergefallen ist.

Am Strassenrand entstehen kleine Archive des Konsums.

Hier wurde bestellt. Dort geliefert. Da ausgepackt. Manche Bündel sind sachlich. Andere ehrgeizig. Einige sehen aus, als könnten sie ohne Weiteres noch einmal umziehen. Bis frühmorgens stehen sie vor den Häusern und warten.

Dann verschwinden sie.

Und Mürren beginnt von vorn, neuen Karton zu sammeln. Monat für Monat. Fein sortiert. Gut gebündelt. Wie es sich für ein Dorf gehört, das seine Reste ordentlich verabschiedet.

 
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1. August.

Mürren trägt heute Schweiz.

Mürren trägt heute Schweiz.

MRRN: 1. August. Fotografie. Daniel Frei

An Balkonen, Hauswänden und Zäunen hängen Fahnen, Girlanden und andere Zeichen der Zugehörigkeit. Ob das Patriotismus ist oder Folklore, lässt sich von aussen weder beobachten noch entscheiden. Man muss es auch nicht.

Das Dorf: geschmückt.

Rot und Weiss an den Häusern. Kleine Fahnen in Blumenkästen. Girlanden über Eingängen. Stoff, Papier, Kunststoff. Die Schweiz in verschiedenen Formaten.

Manche Dekorationen hängen vermutlich jedes Jahr am selben Ort. Andere wurden eigens für heute hervorgeholt. Zusammen ergeben sie ein Dorf, das für einen Tag etwas deutlicher sagt, wo es liegt.

Oder wozu es gehören möchte.

Patriotismus ist ein grosses Wort. Folklore das etwas bequemere. In Mürren liegen beide nahe beieinander.

Die Fahne kann Bekenntnis sein. Gewohnheit. Gastfreundschaft. Dekoration. Erinnerung. Oder schlicht etwas, das am 1. August dazugehört, wie Feuer, Musik und der Geruch von Grilliertem.

Zugehörigkeit beginnt ohnehin selten mit einer klaren Überzeugung. Dafür mit Wiederholung.

Mit demselben Fest.

Denselben Farben.

Denselben Liedern, selbst wenn nicht mehr alle mitsingen.

Am Abend werden die Girlanden im Wind hängen, die Fahnen vor den dunklen Bergen leuchten und irgendwo wird jemand erklären, was die Schweiz ausmacht.

Das Dorf hat seine Antwort bereits aufgehängt.

Allenthalben.

Und ein wenig schief.

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