Karthago.
In Rom soll Cato seine Reden mit dem Satz beendet haben, Karthago müsse zerstört werden. Ganz gleich, worum es vorher ging. In Mürren gibt es dieses Verfahren ebenfalls. Nur Karthago wechselt.
Heute Morgen ging es um das Wetter. Dann um eine Kuh auf dem Weg. Dann um den Fahrplan. Dann landeten wir bei den Tagestouristen. Das passiert hier öfter. Man beginnt bei etwas Kleinem und endet zuverlässig bei etwas Grundsätzlichem: Für den einen sind es die Zweitwohnungen, für die andere die Bahnen. Für den nächsten die Hotels. Die Gemeinde. Die Investoren. Die alten Familien. Die neuen Leute. Die Preise. Der Schnee. Der fehlende Schnee. Oder Menschen, die nicht grüssen.
Jeder hat sein Karthago.
Und wie bei Cato spielt es keine grosse Rolle, womit das Gespräch angefangen hat. Man redet über eine neue Speisekarte und landet beim Tourismus. Über eine Renovation und landet bei den Wohnungen. Über den Sommer und landet beim Winter. Über einen Hund und dann bei der Frage, was aus Mürren eigentlich werden soll. Das Dorf ist klein genug, damit alles mit allem zusammenhängt.
Wer sich über Touristen aufregt, spricht oft über Nähe. Wer über Zweitwohnungen spricht, über Verfügbarkeit. Wer über neue Investoren spricht, über Kontrolle. Wer den früheren Zeiten nachtrauert, über Verlust. Und wer Veränderung fordert, meistens ebenfalls. Nur in die andere Richtung. Das macht die Gespräche nicht einfacher, aber verständlicher. Denn jeder verteidigt etwas. Manchmal eine Gewohnheit, einen Vorteil, eine Erinnerung oder tatsächlich das Dorf. Nur eben nicht immer dasselbe.
Das Mürren des Hoteliers ist nicht ganz das Mürren des Einheimischen. Das des Zweitwohnungsbesitzers nicht jenes der Saisonangestellten. Das des Gastes nicht jenes des Bauern. Und das Mürren von gestern ohnehin nicht mehr jenes von heute. Aber alle sprechen vom selben Ort.
Darum braucht jedes Dorf sein Karthago: ein Thema, an dem sich festmachen lässt, was gerade bedroht scheint. Es gibt den Gesprächen Richtung, manchmal einen Gegner, und das ist praktisch. Komplizierter wird es, wenn Karthago verschwände. Denn dann bräuchte es ein neues.
«Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.»
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.
Cato hatte es einfacher. Seines hiess immer gleich. Karthago wurde 146 v. Chr. zerstört. Mürren steht noch, die Diskussionen dauern an.

