Wolkenmeer.
Am frühen Morgen ist das Meer wieder da.
Es liegt zwischen Stechelberg und Lauterbrunnen, weissgrau und lebendig. Mal ganz ruhig wie die spiegelglatte Wasseroberfläche des Thunersees, mal unruhig und aufgewühlt wie der Myrrenbach nach dem Unwetter.
Oben in Mürren berühren die ersten Sonnenstrahlen schon die Häuser, während unten im Tal alles unter einer dichten Decke verschwindet.
Einzelne Baumwipfel schauen heraus. Später tauchen für ein paar Minuten Dächer auf, bevor sie wieder verschwinden. Vom Terrassenrand aus wirkt das Tal plötzlich viel tiefer als sonst. Eher wie eine Küste.
Die Leute bleiben stehen. Manche fotografieren, andere zeigen einfach mit dem Finger Richtung Westen. Dann gehen sie ihrer Wege.
Gegen zehn Uhr bekommt das Wolkenmeer Risse. Die ganze Schicht bewegt sich langsam talabwärts. Hier schaut eine grüne Wiese hervor, dort ein Stück Strasse. Kurz darauf steht plötzlich der Talboden frei da.
Das Meer zieht sich zurück.
In Mürren gehört so ein Morgen zum Alltag. Man sollte meinen, man gewöhnt sich daran. Tut man aber nicht. Immer wieder bleibt man stehen und schaut.
Dieses Wolkenmeer macht etwas ganz Besonderes: Es verändert die Landschaft nicht wirklich und es verändert doch komplett, wie wir sie wahrnehmen. Auf einmal liegt Mürren nicht mehr hoch über einem Tal, sondern hoch über einer weiten Oberfläche.
Ein Dorf am Meer.
Nur die Schiffe und die Möwen fehlen. Ansonsten ist die Illusion perfekt.
Gegen Mittag ist alles vorbei. Wanderer ziehen über die Wege, und die Wiesen liegen wieder da, wo sie hingehören.
Zurück bleiben nur die Postkarten und das Erleben darum, dass Mürren an manchen Tagen am Meer liegt.

