Niidlewouche.
Kurz bevor der Regen über Mürren zieht, wird der Himmel zur Dessertkarte. Über dem Lauterbrunnental türmt sich Niidle in wechselnden Zuständen: geschlagen, gerührt, schwer, luftig, mitunter mit Meringue.
«Niidle» heisst Rahm. «Niidelwouche» sind folglich Rahmwolken. Man sieht sie besonders schön, wenn über dem Lauterbrunnental ein Regen aufzieht und der Himmel beginnt, seine Konsistenz zu verändern.
Zuerst ist die Niidle noch weich. Kaum geschlagen. Sie zieht in langen, hellen Bahnen über Eiger, Mönch und Jungfrau und wirkt, als müsste man sie vorsichtig unterheben.
Dann wird sie fester.
Sie türmt sich. Bildet Spitzen. Hält kurz die Form. Geschlagene Niidle und etwas später kippt das Ganze ins Üppige. Die Wolken hängen schwer über den Fels, grau an den Rändern, hell im Innern. Rahmiger Rahm. Zu viel davon. Genau richtig.
Manchmal kommt Meringue dazu.
Hart gezogene Kanten. Weisse Hauben. Dunkle Zwischenräume. Ein Dessert, das unter meteorologischem Druck angerichtet wird. Dann wieder nur Meringue. Trocken aussehend. Zart. Zu schön, zu filigran um wahr zu sein.
Bis es regnet.
In Mürren liest man das Wetter deshalb nicht nur am Himmel. Man beurteilt auch die Konsistenz. Und wenn die Niidlewuouche besonders schön stehen, weiss man: Das Dessert ist fertig.
Serviert wird Wasser.

