Mürren Mon Amour

Zwischen Höhenluft und Herz

Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.

 
Wetter Daniel Frei Wetter Daniel Frei

Niidlewouche.

Kurz bevor der Regen über Mürren zieht, wird der Himmel zur Dessertkarte.

Kurz bevor der Regen über Mürren zieht, wird der Himmel zur Dessertkarte. Über dem Lauterbrunnental türmt sich Niidle in wechselnden Zuständen: geschlagen, gerührt, schwer, luftig, mitunter mit Meringue.

MRRN: Niidlewouche. Fotografie: Daniel Frei

«Niidle» heisst Rahm. «Niidelwouche» sind folglich Rahmwolken. Man sieht sie besonders schön, wenn über dem Lauterbrunnental ein Regen aufzieht und der Himmel beginnt, seine Konsistenz zu verändern.

Zuerst ist die Niidle noch weich. Kaum geschlagen. Sie zieht in langen, hellen Bahnen über Eiger, Mönch und Jungfrau und wirkt, als müsste man sie vorsichtig unterheben.

Dann wird sie fester.

Sie türmt sich. Bildet Spitzen. Hält kurz die Form. Geschlagene Niidle und etwas später kippt das Ganze ins Üppige. Die Wolken hängen schwer über den Fels, grau an den Rändern, hell im Innern. Rahmiger Rahm. Zu viel davon. Genau richtig.

Manchmal kommt Meringue dazu.

Hart gezogene Kanten. Weisse Hauben. Dunkle Zwischenräume. Ein Dessert, das unter meteorologischem Druck angerichtet wird. Dann wieder nur Meringue. Trocken aussehend. Zart. Zu schön, zu filigran um wahr zu sein.

Bis es regnet.

In Mürren liest man das Wetter deshalb nicht nur am Himmel. Man beurteilt auch die Konsistenz. Und wenn die Niidlewuouche besonders schön stehen, weiss man: Das Dessert ist fertig.

Serviert wird Wasser.

 
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Regen.

Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf.

Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf.

MRRN: Regen. Fotografie: Daniel Frei

Der Regen trommelt auf die Dächer von Mürren. Mit der Entschlossenheit der Dorfmusik beim Umzug durchs Dorf. Es donnert. Er grollt. Der Blitz zuckt.

Die Wege glänzen. Die Geländer auch. Wieder. Auf den Fensterbänken sammeln sich kleine Bäche. Aus den Dachrinnen schiesst Wasser. Der Nebel hängt zwischen Berg und Haus.

Die Pollen erleben einen schwierigen Tag. Eine grandiose Niederlage auf ganzer Linie.

Wochenlang schwebten sie nahezu ungestört durch die Luft. Jetzt kleben sie an Fenstern, Autos, Terrassentischen und Wanderwegweisern. Vieles, was gestern noch unsichtbar war, läuft heute als braune Spur durch die Böden, über die Flueh, unausweichlich Richtung Tal.

Auch die Wiesen bekommen eine Pause. Der Boden war stellenweise bereits erstaunlich trocken für Ende Frühling, Anfang Sommer. Die Frühlingssonne hatte in diesem Jahr erneut Überstunden geleistet.

Jetzt aber riecht das Dorf wieder nach nassem Holz, Erde und Gras.

Die Jungfrau verschwunden. Auch der Schwarzmönch: Adieu.

Niemand stört sich daran. Nach den letzten Wochen wirkt die fehlende Aussicht erholsam.

 
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