Mürren Mon Amour
Zwischen Höhenluft und Herz
Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.
Biber.
Nicht am einsamen Fluss, nicht in wildester Wildnis, unter der Brücke beim Bahnhof Zürich.
Meine erste Bibersichtung überhaupt. Nicht am einsamen Fluss, nicht in wildester Wildnis, unter der Brücke beim Bahnhof Zürich. Zur morgendlichen Stosszeit.
Sie kommen an, sie fahren ab. Menschen. Züge. Trams. Velos. Und in der Limmat schwimmt der Biber. Meine erste Bibersichtung überhaupt. Idealisiert hätte ich dafür wohl einen abgelegeneren Ort vorgesehen. Auen, einen stillen Fluss, ‘was mit Wald.
Der Biber hatte andere Pläne, schwamm unter der Brücke, wenige Meter von einem der geschäftigsten, wenn nicht hektischsten Orte Zürichs entfernt. Er wirkte auf mich unbeeindruckt davon. Wie ein weiterer Pendler, nur ohne Gepäck und ohne Fahrplan. Und vermutlich mit der besseren Verbindung.
Wir teilen die Welt gern ein: hier Stadt, dort Natur. Hier Zürich, dort Mürren. Hier Bahnhof, dort Wildnis. Am Biber sind diese Kategorien vorbeigegangen.
Wasser, etwas Ufer, Nahrung: Der Rest ist unsere Angelegenheit. Und plötzlich findet man Wildnis dort, wo man sie nie gesucht hätte.
Heute Morgen also: Zürich Hauptbahnhof, Limmat, Biber. Wohin und ob er musste, ist unklar. Verspätung hatte er keine.
Pilz.
Die ersten Pilze stehen wieder im Gras: unentschieden darüber, ob die Saison bereits begonnen hat.
Die ersten Pilze stehen wieder im Gras; vereinzelt, noch etwas vorsichtig. Unentschieden darüber, ob die Saison bereits begonnen hat.
Nach diesem heissen, trockenen Sommer war lange nichts zu sehen. Die Wiesen wurden zwar heller. Der Boden härter. Das Moos spröder.
Aber jetzt plötzlich: ein Pilz.
Breit, dunkel, feucht glänzend. Zwischen Gras, Zapfen und altem Holz. Kein eleganter Vorbote, eher ein kräftiges Lebenszeichen aus dem Boden. Welche Art es genau ist, lässt sich durch mich nicht sicher bestimmen. Für eine Naturbeobachtung genügt zunächst: Er ist da.
Pilze erscheinen ohnehin nie aus dem Nichts. Was wir sehen, ist nur der Fruchtkörper. Der grössere Teil lebt verborgen im Boden, als feines Geflecht zwischen Wurzeln, Holz und Erde. Unsichtbar, bis Feuchtigkeit und Temperatur irgendwann stimmen.
Dann poppen sie auf.
Einer.
Dann vielleicht drei.
Dann überall.
Wie die kommende Pilzsaison wird, weiss noch niemand. Nach einem solchen Sommer könnte sie karg ausfallen. Oder spät. Oder nach einigen Regentagen plötzlich so üppig, als hätte der Wald die ganze Zeit nur gewartet.
Pilze sind in dieser Hinsicht wenig auskunftsfreudig.
Sie machen keine Prognosen.
Sie erscheinen.
Dieser hier hat damit begonnen.
Kreuzotter.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.
Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.
Sie erscheint. Sie verschwindet.
Und überlässt uns das Anstehen.
Liebesspiel.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie.
Zwei zitronengelbe Schmetterlinge umflogen sich über der Wiese. Mit heftigem Flügelschlag stiegen sie im warmen Aufwind hoch, stiessen gegeneinander, trennten sich, fielen wieder ab und fanden sich kurz darauf von Neuem.
Ein Liebesspiel aus Annäherung, Flucht, Angriff und Rückkehr.
Es sah nicht besonders friedlich aus. Eher nach einer Beziehung, die bereits eine gemeinsame Geschichte hatte.
Ich blieb stehen und schaute zu.
Bei zwei Menschen wäre das vermutlich Voyeurismus. Je nach Nähe auch Pornografie. Bei Schmetterlingen nennt man es Naturbeobachtung und darf sogar die Kamera holen.
Als ich zurückkam, waren sie verschwunden.

