Mürren mon Amour
Zwischen Höhenluft und Herz
Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, als Zwischenort, als Möglichkeit.
Kreuzotter.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.
Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.
Sie erscheint. Sie verschwindet.
Und überlässt uns das Anstehen.
Schnägg.
Sie überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
In Mürren leben Schnecken bis weit hinauf zwischen Wiesen, Wald, Gärten und Geröll. Nach Regen verlassen sie ihre Verstecke und überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
Kein Haus. Dafür einen Fuss, und der ist nicht schlank.
Zoologisch gesehen besteht eine Nacktschnecke zu einem beträchtlichen Teil aus diesem einen muskulösen Organ. Damit gleitet sie über Steine, Erde und Holz. Eine Schleimspur vermindert die Reibung, schützt den Körper und markiert zuverlässig, wo sie bereits gewesen ist.
Besagtes Tier auf dem Weg gehört erkennbar zu den Wegschnecken. Welche Art genau? Rote, braune und orangefarbene Vertreter können einander stark ähneln. Kurz, man weiss es nicht.
Vorn trägt sie zwei lange Fühler mit Augen an den Spitzen. Darunter befinden sich zwei kürzere, die vor allem Geruch und Berührung wahrnehmen. Werden die Verhältnisse unübersichtlich, zieht sie alles ein.
Eine vernünftige Einrichtung.
Viele fressen welkende Pflanzen, Pilze, Algen und abgestorbenes Material. Damit beseitigen sie, etwas unauffällig, was andere liegen lassen. Dass sie gelegentlich auch frisches Grün schätzen, hat ihrem Ruf stärker geschadet als ihre gesamte ökologische Arbeit ihm nützt. Pro Natura nennt Nacktschnecken deshalb die «Geier des Gartens».
Diese kroch durch den feuchten Schotter.
Langsam wäre das falsche Wort. Sie bewegte sich in der ihr möglichen Geschwindigkeit. Ohne Eile, aber auch ohne erkennbaren Zweifel an der Richtung.
Vielleicht wirkt eine Schnecke nur deshalb langsam, weil wir selbst ständig zu spät sind.
Dorfne.
Sie frassen. Man erzählte.
Sie frassen. Man erzählte.
Am Morgen stehen die Gämsen manchmal fast vor der Tür. Dort wächst noch ein Rest feiner, frischer Kräuter. Genug, um den Weg ins Dorf zu rechtfertigen. Gestern waren sie besonders nah. So nah, dass man sich nicht mehr einfach nur gegenseitig beobachtete.
Man dorfnete.
«Zäme dorfne» sagt man hier, wenn man zusammensteht, redet, schaut, was läuft, und nicht unbedingt zu einem Ergebnis kommen muss. Sie frassen. Man erzählte, blieb eine Weile beieinander. Dann gingen die einen wieder den Hang hinauf. Und die andere ins Haus.
Was genau besprochen wurde, blieb im Dorf.

