Mürren Mon Amour

Zwischen Höhenluft und Herz

Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.

 
Transit Daniel Frei Transit Daniel Frei

Biber.

Nicht am einsamen Fluss, nicht in wildester Wildnis, unter der Brücke beim Bahnhof Zürich.

Meine erste Bibersichtung überhaupt. Nicht am einsamen Fluss, nicht in wildester Wildnis, unter der Brücke beim Bahnhof Zürich. Zur morgendlichen Stosszeit.

MRRN: Biber. Fotografie: Daniel Frei

Sie kommen an, sie fahren ab. Menschen. Züge. Trams. Velos. Und in der Limmat schwimmt der Biber. Meine erste Bibersichtung überhaupt. Idealisiert hätte ich dafür wohl einen abgelegeneren Ort vorgesehen. Auen, einen stillen Fluss, ‘was mit Wald.

Der Biber hatte andere Pläne, schwamm unter der Brücke, wenige Meter von einem der geschäftigsten, wenn nicht hektischsten Orte Zürichs entfernt. Er wirkte auf mich unbeeindruckt davon. Wie ein weiterer Pendler, nur ohne Gepäck und ohne Fahrplan. Und vermutlich mit der besseren Verbindung.

Wir teilen die Welt gern ein: hier Stadt, dort Natur. Hier Zürich, dort Mürren. Hier Bahnhof, dort Wildnis. Am Biber sind diese Kategorien vorbeigegangen.

Wasser, etwas Ufer, Nahrung: Der Rest ist unsere Angelegenheit. Und plötzlich findet man Wildnis dort, wo man sie nie gesucht hätte.

Heute Morgen also: Zürich Hauptbahnhof, Limmat, Biber. Wohin und ob er musste, ist unklar. Verspätung hatte er keine.

 
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Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Mutterkuh.*

Wer das Warnschild erkennt, ist bereits gut unterwegs.

Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig. Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.

MRRN: Mutterkuh. Fotografie: Daniel Frei

Die Kleinen fressen, dösen, spielen, stehen etwas abseits oder dicht bei der Mutter. Die Kühe tun, was Kühe tun:

Sie passen auf.

Mutterkühe haben einen ausgeprägten Schutzinstinkt. Kommt jemand der Herde, besonders einem Kalb, zu nahe, kann aus einem friedlich grasenden ziemlich schnell ein resolutes Muttertier werden. Wandernde mit Hunden sind dabei besonders heikel: Hunde können von Rindern als Bedrohung wahrgenommen werden. Die wichtigste Regel:

Abstand.

Nicht zwischen Kuh und Kalb hindurchgehen. Kälber nicht anfassen. Die Herde grosszügig umgehen. Stehen die Tiere auf dem Weg, wartet man, weicht aus, kehrt notfalls um und geht einen Umweg. Der Wanderweg besitzt kein Vortrittsrecht gegenüber einer Mutter.

Meist kündigt eine Kuh an, wenn ihr etwas nicht gefällt.

Sie richtet ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf einen.

Hebt und senkt den Kopf.

Schnaubt.

Scharrt.

Muht vielleicht.

Die Herde wird unruhig.

Spätestens dann ist die Diskussion beendet. Ruhig bleiben. Abstand vergrössern. Langsam zurückweichen. Nicht rennen, nicht provozieren, nicht versuchen, doch noch irgendwie durchzukommen. Die Schweizer Wanderwege empfehlen bei Mutterkuhherden ausdrücklich: Distanz halten, Kälber nie berühren, Hunde an kurzer Leine führen. Greifen Kühe einen angeleinten Hund tatsächlich an, Leine loslassen und dem Hund die Flucht ermöglichen.

Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig.

Darauf ist eine Kuh.

Daneben stehen Kühe.

Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.

Und wer sie nicht erkennt, sollte vielleicht trotzdem umdrehen.

Die Mutter entscheidet.

*Dieser Text basiert auf Empfehlungen der Schweizer Wanderwege.

 
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Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Kreuzotter.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

MRRN: Kreuzotter. Fotografie: Daniel Frei

Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden.

Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.

Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.

Sie erscheint. Sie verschwindet.

Und überlässt uns das Anstehen.

 
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Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Schnägg.

Sie überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.

In Mürren leben Schnecken bis weit hinauf zwischen Wiesen, Wald, Gärten und Geröll. Nach Regen verlassen sie ihre Verstecke und überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.

MRRN: Schnägg. Fotografie: Daniel Frei

Kein Haus. Dafür einen Fuss, und der ist nicht schlank.

Zoologisch gesehen besteht eine Nacktschnecke zu einem beträchtlichen Teil aus diesem einen muskulösen Organ. Damit gleitet sie über Steine, Erde und Holz. Eine Schleimspur vermindert die Reibung, schützt den Körper und markiert zuverlässig, wo sie bereits gewesen ist.

Besagtes Tier auf dem Weg gehört erkennbar zu den Wegschnecken. Welche Art genau? Rote, braune und orangefarbene Vertreter können einander stark ähneln. Kurz, man weiss es nicht.

Vorn trägt sie zwei lange Fühler mit Augen an den Spitzen. Darunter befinden sich zwei kürzere, die vor allem Geruch und Berührung wahrnehmen. Werden die Verhältnisse unübersichtlich, zieht sie alles ein.

Eine vernünftige Einrichtung.

Viele fressen welkende Pflanzen, Pilze, Algen und abgestorbenes Material. Damit beseitigen sie, etwas unauffällig, was andere liegen lassen. Dass sie gelegentlich auch frisches Grün schätzen, hat ihrem Ruf stärker geschadet als ihre gesamte ökologische Arbeit ihm nützt. Pro Natura nennt Nacktschnecken deshalb die «Geier des Gartens».

Diese kroch durch den feuchten Schotter.

Langsam wäre das falsche Wort. Sie bewegte sich in der ihr möglichen Geschwindigkeit. Ohne Eile, aber auch ohne erkennbaren Zweifel an der Richtung.

Vielleicht wirkt eine Schnecke nur deshalb langsam, weil wir selbst ständig zu spät sind.

 
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Feldnotiz Daniel Frei Feldnotiz Daniel Frei

Dorfe.

Sie frassen. Man erzählte.

Sie frassen. Man erzählte.

MRRN: Dorfnen. Fotografie: Daniel Frei

Am Morgen stehen die Gämsen manchmal fast vor der Tür. Dort wächst noch ein Rest feiner, frischer Kräuter. Genug, um den Weg ins Dorf zu rechtfertigen. Gestern waren sie besonders nah. So nah, dass man sich nicht mehr einfach nur gegenseitig beobachtete.

Me het dorfet.

«Zäme dorfe» sagt man hier, wenn man zusammensteht, redet, schaut, was läuft, und nicht unbedingt zu einem Ergebnis kommen muss. Sie frassen. Man erzählte, blieb eine Weile beieinander. Dann gingen die einen wieder den Hang hinauf. Und die andere ins Haus.

Was genau besprochen wurde, blieb im Dorf.

 
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