Mürren Mon Amour
Zwischen Höhenluft und Herz
Eine Liebeserklärung. An den Ort, das Leben in der Höhe. An Gedanken. Hier treffen Höhenluft, Herz und Horizont aufeinander. Zwischen Bergnebel und Klarheit über das, was bewegt. Innen wie aussen. Über Mürren als Idee, Projektion, Zwischenort, Möglichkeit.
Regenbogenkomet.
Die Perseiden ziehen über den Himmel. Vis-à-vis von Mürren ist einer eingeschlagen. Zumindest sah es so aus.
Die Perseiden ziehen über den Himmel. Vis-à-vis von Mürren ist einer eingeschlagen. Zumindest sah es so aus.
Er kam weder aus Richtung Perseus, noch war er besonders schnell. Eigentlich bewegte er sich überhaupt nicht. Trotzdem stand ein farbiger Schweif rechts vom Schwarzmönch und endete ziemlich genau auf der grünen Wiese.
Rot.
Orange.
Ein wenig Gelb.
Grün.
Ein wenig Blau.
Violett.
Sonnenlicht, Wassertröpfchen, Brechung, Reflexion: meteorologisch vollständig erklärbar.
Nur: Die Sache sieht von Mürren aus anders aus.
Als ob sich ein kleiner Komet bei der Wahl seines Aggregatzustands vertan hätte. Die echten Perseiden entstehen aus Staubteilchen des Kometen Swift-Tuttle und treffen mit grosser Geschwindigkeit auf die Erdatmosphäre, leuchten kurz auf, um wieder zu verschwinden. Dieser hier nahm sich Zeit.
Er stand eine Weile im Regen über dem Berg, leuchtete in allen verfügbaren Farben und machte keine Anstalt, weiterzufliegen. Auch ein Einschlag war nicht zu hören. Doch nur ein Regenbogen?
Astronomisch enttäuschend. Für die Aussicht mehr als ausreichend.
Sachschaden ist auch keiner entstanden.
Herbstboten.
Die ersten Herbstboten tragen Rucksäcke und fahren wieder ins Tal.
Der Herbst kündigt sich hier nicht erst mit bunten Blättern an. Die ersten Herbstboten tragen bunte Rucksäcke und fahren wieder ins Tal. Es werden langsam weniger.
Die Bäume lassen sich Zeit. Auch das Gras weiss noch nichts Genaueres. Dafür werden die Ströme dünner.
Nicht plötzlich. Es gibt keinen Tag, an dem der Sommer abreist und der Herbst übernimmt. Noch immer kommen sie ab Vormittag, ziehen durch das Dorf, bleiben stehen, schauen, fotografieren und gehen weiter, meist hinauf.
Aber zwischen den Gruppen entstehen Lücken.
Auf den Wegen wird wieder etwas Platz. Aus dem Stimmengewirr werden einzelne Stimmen. Man kann stehen bleiben, ohne selbst sofort Teil eines kleinen Verkehrsproblems zu werden.
Im Unterland kündigt sich der Herbst möglicherweise anders an: ein erstes gelbes Blatt, Kastanien auf dem Boden, Nebel am Morgen, etwas frischer.
In Mürren lässt er sich zunächst an der Personendichte ablesen. Auch die Blätter werden fallen, zuerst aber fällt der Andrang.
Biber.
Nicht am einsamen Fluss, nicht in wildester Wildnis, unter der Brücke beim Bahnhof Zürich.
Meine erste Bibersichtung überhaupt. Nicht am einsamen Fluss, nicht in wildester Wildnis, unter der Brücke beim Bahnhof Zürich. Zur morgendlichen Stosszeit.
Sie kommen an, sie fahren ab. Menschen. Züge. Trams. Velos. Und in der Limmat schwimmt der Biber. Meine erste Bibersichtung überhaupt. Idealisiert hätte ich dafür wohl einen abgelegeneren Ort vorgesehen. Auen, einen stillen Fluss, ‘was mit Wald.
Der Biber hatte andere Pläne, schwamm unter der Brücke, wenige Meter von einem der geschäftigsten, wenn nicht hektischsten Orte Zürichs entfernt. Er wirkte auf mich unbeeindruckt davon. Wie ein weiterer Pendler, nur ohne Gepäck und ohne Fahrplan. Und vermutlich mit der besseren Verbindung.
Wir teilen die Welt gern ein: hier Stadt, dort Natur. Hier Zürich, dort Mürren. Hier Bahnhof, dort Wildnis. Am Biber sind diese Kategorien vorbeigegangen.
Wasser, etwas Ufer, Nahrung: Der Rest ist unsere Angelegenheit. Und plötzlich findet man Wildnis dort, wo man sie nie gesucht hätte.
Heute Morgen also: Zürich Hauptbahnhof, Limmat, Biber. Wohin und ob er musste, ist unklar. Verspätung hatte er keine.
Flohmi.
Zweimal Zermatt, dazwischen Mürren.
Zweimal Zermatt, dazwischen Mürren.
Flohmi. Man schaut, nimmt etwas in die Hand, stellt es wieder zurück. Dann liegt da Mürren. Unvermittelt. Eine alte touristische Darstellung, etwas abgegriffen, mit Kühen im Vordergrund und Bergen dahinter. Unten gross der Name:
MÜRREN.
Darunter, zur Sicherheit:
BERGBAHN.
1650 M.ü.M.
FUNICULAIRE.
SUISSE.
BERNER OBERLAND.
SWITZERLAND.
Man wollte offenbar keine Missverständnisse.
Darüber lag Zermatt.
Matterhorn.
ZERMATT.
Darunter ebenfalls Zermatt.
Matterhorn.
ZERMATT.
Das Matterhorn brauchte schon damals wenig Erklärung. Ein Berg. Ein Name. Fertig. Mürren musste etwas mehr auffahren. Kühe. Bergwelt. Bergbahn. Höhe. Land. Region. Und nochmals Land, diesmal international verständlich.
Frühes alpines Standortmarketing. Das Matterhorn war bereits eine Marke, bevor irgendjemand von Marken sprach. Mürren erst ein Versprechen, das noch etwas erläutert werden musste.
Das Interessantere war aber etwas anderes. Ich stand mitten in Zürich, ein paar Strassen von meiner Wohnung entfernt, und vor mir lag plötzlich Mürren. Weder gesucht noch angekündigt. Einfach zwischen zwei Zermatts.
Offenbar nimmt man einen Ort so sehr mit sich, dass er beginnt, an anderen Orten aufzutauchen. Auf Flohmärkten, in alten Bildern, in Gesprächen. Ich habe Mürren genommen. Die beiden Zermatts blieben liegen.
Man muss nicht alles sammeln.
Mutterkuh.*
Wer das Warnschild erkennt, ist bereits gut unterwegs.
Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig. Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.
Die Kleinen fressen, dösen, spielen, stehen etwas abseits oder dicht bei der Mutter. Die Kühe tun, was Kühe tun:
Sie passen auf.
Mutterkühe haben einen ausgeprägten Schutzinstinkt. Kommt jemand der Herde, besonders einem Kalb, zu nahe, kann aus einem friedlich grasenden ziemlich schnell ein resolutes Muttertier werden. Wandernde mit Hunden sind dabei besonders heikel: Hunde können von Rindern als Bedrohung wahrgenommen werden. Die wichtigste Regel:
Abstand.
Nicht zwischen Kuh und Kalb hindurchgehen. Kälber nicht anfassen. Die Herde grosszügig umgehen. Stehen die Tiere auf dem Weg, wartet man, weicht aus, kehrt notfalls um und geht einen Umweg. Der Wanderweg besitzt kein Vortrittsrecht gegenüber einer Mutter.
Meist kündigt eine Kuh an, wenn ihr etwas nicht gefällt.
Sie richtet ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf einen.
Hebt und senkt den Kopf.
Schnaubt.
Scharrt.
Muht vielleicht.
Die Herde wird unruhig.
Spätestens dann ist die Diskussion beendet. Ruhig bleiben. Abstand vergrössern. Langsam zurückweichen. Nicht rennen, nicht provozieren, nicht versuchen, doch noch irgendwie durchzukommen. Die Schweizer Wanderwege empfehlen bei Mutterkuhherden ausdrücklich: Distanz halten, Kälber nie berühren, Hunde an kurzer Leine führen. Greifen Kühe einen angeleinten Hund tatsächlich an, Leine loslassen und dem Hund die Flucht ermöglichen.
Das Warnschild auf dem Bild wirkt deshalb etwas überflüssig und gleichzeitig sehr nötig.
Darauf ist eine Kuh.
Daneben stehen Kühe.
Wer die Verbindung erkennt, ist bereits gut unterwegs.
Und wer sie nicht erkennt, sollte vielleicht trotzdem umdrehen.
Die Mutter entscheidet.
*Dieser Text basiert auf Empfehlungen der Schweizer Wanderwege.
Whale Watching.
Whale Watching in Mürren, aber die Tiere verhalten sich ausgesprochen scheu.
Whale Watching gibt es auch in Mürren. Die Tiere aber verhalten sich ausgesprochen scheu.
Man erkennt die Situation sofort: Ein paar Menschen stehen da. Andere kommen. Jemand hebt das Telefon. Jemand zeigt in die Ferne. Ein Kind schaut hin, wohin alle schauen. Dann stehen sie gemeinsam vor Schwarzmönch, Jungfrau, Mönch und Eiger und schauen.
Was genau ist nicht immer klar.
Vielleicht das Licht. Vielleicht eine Wolke. Vielleicht einen Gleitschirm. Vielleicht einfach die Berge. Es spielt keine Rolle, entscheidend ist mehr die Haltung: Man steht, man schaut, man arrangiert, man wartet. Beim Whale Watching wäre das der Moment, in dem jemand ruft:
Da!
In Mürren ruft selten jemand. Die Hauptattraktion bewegt sich nicht besonders schnell. Sie steht seit einiger Zeit ungefähr am selben Ort. Das macht aber die Beobachtung nicht weniger intensiv. Im Gegenteil.
Man fotografiert. Vergleicht Ausschnitte. Rearrangiert und -inszeniert. Schaut nochmals ohne Kamera. Dann wieder mit ihr, durch sie. Und bleibt dann doch länger stehen, als ursprünglich vorgesehen.
Bisher wurden keine Wale gesichtet.
Die Aussichten gelten trotzdem als ausgezeichnet.
Pilz.
Die ersten Pilze stehen wieder im Gras: unentschieden darüber, ob die Saison bereits begonnen hat.
Die ersten Pilze stehen wieder im Gras; vereinzelt, noch etwas vorsichtig. Unentschieden darüber, ob die Saison bereits begonnen hat.
Nach diesem heissen, trockenen Sommer war lange nichts zu sehen. Die Wiesen wurden zwar heller. Der Boden härter. Das Moos spröder.
Aber jetzt plötzlich: ein Pilz.
Breit, dunkel, feucht glänzend. Zwischen Gras, Zapfen und altem Holz. Kein eleganter Vorbote, eher ein kräftiges Lebenszeichen aus dem Boden. Welche Art es genau ist, lässt sich durch mich nicht sicher bestimmen. Für eine Naturbeobachtung genügt zunächst: Er ist da.
Pilze erscheinen ohnehin nie aus dem Nichts. Was wir sehen, ist nur der Fruchtkörper. Der grössere Teil lebt verborgen im Boden, als feines Geflecht zwischen Wurzeln, Holz und Erde. Unsichtbar, bis Feuchtigkeit und Temperatur irgendwann stimmen.
Dann poppen sie auf.
Einer.
Dann vielleicht drei.
Dann überall.
Wie die kommende Pilzsaison wird, weiss noch niemand. Nach einem solchen Sommer könnte sie karg ausfallen. Oder spät. Oder nach einigen Regentagen plötzlich so üppig, als hätte der Wald die ganze Zeit nur gewartet.
Pilze sind in dieser Hinsicht wenig auskunftsfreudig.
Sie machen keine Prognosen.
Sie erscheinen.
Dieser hier hat damit begonnen.
Kreuzotter.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Heute lag eine Kreuzotter am Wegrand. Sie hatte den Platz schon lange vor uns reserviert. Ich ging die Kamera holen.
Als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Das unterscheidet sie von den anderen Schlangen in Mürren. Den Gästeschlangen. Vor der Schilthornbahn. Vor dem Buffet. Vor der Gondel. Vor der Kasse. Dort, wo Aussicht, Kaffee oder ein Souvenir versprochen werden. Sie bleiben. Sie rücken langsam vor. Manchmal stundenlang.
Die Kreuzotter dagegen kennt den besseren Moment.
Sie erscheint. Sie verschwindet.
Und überlässt uns das Anstehen.
Lila.
Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner: jetzt übernimmt Lila.
Der Sommer zieht sich langsam aus den Wiesen zurück. Auch wenn dies der Hitze noch nicht mitgeteilt wurde. Das Grün wird matter, das Gras trockener, die Hänge brauner. Und ausgerechnet jetzt übernimmt Lila.
Im Frühling beginnt Mürren mit Gelb und Weiss. Dann kommt das satte Grün. Später Blau, Rot, Rosa und alles, was eine Bergwiese während einiger Wochen aufzubieten hat.
Im August aber verändert sich die Farbordnung.
Das Gras verliert an Glanz. Die Halme werden strohig. Die Wiesen sehen aus, als hätte der Sommer beschlossen, nicht mehr täglich frisch zu erscheinen.
Und dann taucht Lila auf.
Punktuell. In kleinen Inseln, einzelnen Köpfen, Glocken, Rispen und ganzen Sträuchern. Besenheide, Witwenblume, alpine Glockenblume und das Wald-Weidenröschen. Botanisch haben sie wenig miteinander zu tun. Farblich aber haben sie sich abgesprochen.
Die Besenheide bleibt niedrig und verteilt ihr Violett grosszügig über den Boden.
Die Witwenblume steht einzeln da, rund und ordentlich, als hätte sie einen Termin.
Die Glockenblume hängt etwas nach unten und wirkt, als wüsste sie bereits, dass der Sommer nicht ewig dauert.
Das Weidenröschen dagegen kennt keine Zurückhaltung. Es blüht hoch, rosa-violett und mit der Energie einer Pflanze, die auch aus einer gerodeten Fläche noch eine Bühne macht.
Zusammen geben sie den verbraunten Wiesen einen Lilastich. Nicht genug, um den Sommer zurückzubringen. Aber genug, um seinen Abgang mehr als anständig zu gestalten.
Deshalb ist Lila die richtige Farbe für diese Wochen. Nicht mehr ganz Sommer. Noch lange nicht Herbst. Eine Farbe dazwischen.
Mürren trägt sie nur für kurze Zeit.
Dafür sehr überzeugend.
Schnägg.
Sie überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
In Mürren leben Schnecken bis weit hinauf zwischen Wiesen, Wald, Gärten und Geröll. Nach Regen verlassen sie ihre Verstecke und überqueren Wege mit einer Entschlossenheit, die ihrer Geschwindigkeit deutlich voraus ist.
Kein Haus. Dafür einen Fuss, und der ist nicht schlank.
Zoologisch gesehen besteht eine Nacktschnecke zu einem beträchtlichen Teil aus diesem einen muskulösen Organ. Damit gleitet sie über Steine, Erde und Holz. Eine Schleimspur vermindert die Reibung, schützt den Körper und markiert zuverlässig, wo sie bereits gewesen ist.
Besagtes Tier auf dem Weg gehört erkennbar zu den Wegschnecken. Welche Art genau? Rote, braune und orangefarbene Vertreter können einander stark ähneln. Kurz, man weiss es nicht.
Vorn trägt sie zwei lange Fühler mit Augen an den Spitzen. Darunter befinden sich zwei kürzere, die vor allem Geruch und Berührung wahrnehmen. Werden die Verhältnisse unübersichtlich, zieht sie alles ein.
Eine vernünftige Einrichtung.
Viele fressen welkende Pflanzen, Pilze, Algen und abgestorbenes Material. Damit beseitigen sie, etwas unauffällig, was andere liegen lassen. Dass sie gelegentlich auch frisches Grün schätzen, hat ihrem Ruf stärker geschadet als ihre gesamte ökologische Arbeit ihm nützt. Pro Natura nennt Nacktschnecken deshalb die «Geier des Gartens».
Diese kroch durch den feuchten Schotter.
Langsam wäre das falsche Wort. Sie bewegte sich in der ihr möglichen Geschwindigkeit. Ohne Eile, aber auch ohne erkennbaren Zweifel an der Richtung.
Vielleicht wirkt eine Schnecke nur deshalb langsam, weil wir selbst ständig zu spät sind.
Höiet.
Sommer frisch geschnitten.
Sommer frisch geschnitten.
Die Wiesen sind gemäht. Das Gras liegt in langen, weichen Bahnen über dem Hang und trocknet in der Sonne. Wo gestern noch alles stand, duftet heute der ganze Berg.
Warm.
Grün.
Ein wenig süss.
«Höiet», sagt man hier. Ein kleines Wort für eine grosse Verwandlung.
Die Wiese wird geschnitten, gewendet, gesammelt. Für einen Moment liegt sie einfach da. Der Sommer ist nicht zu überriechen. Man geht daran vorbei und wird langsamer. Emu ig. Des Duftes wegen.
Später wird alles eingebracht sein. Die Hänge werden wieder ordentlich aussehen. Der Wind wird den Rest forttragen.
Aber heute riecht Mürren nach Höiet, als wäre der ganze Sommer frisch geschnitten.
Graustufen.
Nach Sonne, Hitze und Aussicht zeigt sich Mürren heute in Graustufen. Nicht alle bedauern das.
Nach Sonne, Hitze und Aussicht zeigt sich Mürren heute in Graustufen. Nebel zieht durchs Dorf. Regen fällt auf Dächer und Wiesen. Der Wind übernimmt die Strassen. Nicht alle bedauern das.
Der Tag beginnt in verschiedenen Schattierungen von Grau. Die Berge sind nahezu verschwunden. So auch das Tal. Selbst die vertrauten Orientierungspunkte tauchen nur noch gelegentlich aus dem Nebel auf, bevor sie wieder verschwinden.
Regen fällt auf Dächer, Balkone und Wanderwege. Der Wind zieht durch die Bäume. Die Fahnen haben wieder etwas zu tun. Nach den vergangenen Wochen wirkt das ungewohnt.
Die Sonne hatte Überstunden geleistet. Tag für Tag. Woche für Woche. Mit ihr kamen die Gäste. Die Wandernden. Die Fotografierenden. Die Terrassenbesetzer. Die Aussichtssuchenden.
Heute macht alles eine kleine Pause. Die Fernsicht ebenfalls.
Niemand fotografiert einen Nebelvorhang mit derselben Begeisterung wie Eiger, Mönch und Jungfrau. Darin liegt ein Reiz. Der Nebel verlangt nichts. Er will nicht beeindrucken. Er verdeckt mehr, als er zeigt.
Das ist eine Wohltat. Das Dorf leiser. Die Wege leerer. Die Bewegungen langsamer. Die Landschaft tritt einen Schritt zurück. Für ein paar Stunden genügt es, dass sie einfach da ist. Grau. Kühl. Nass. Windig.
Gewitter.
Oberhalb von Mürren ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel schliesst langsam seine Türen.
Oberhalb von Mürren ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel schliesst langsam seine Türen. Nach Tagen voller Sonne und Hitze kündigt sich eine kurze Unterbrechung an.
Seit dem Mittag verändert sich das Licht. Erst kaum sichtbar. Dann immer deutlicher. Über dem Lauterbrunnental sammeln sich Wolken. Hellgrau. Dunkelgrau. Weiss. Schicht um Schicht. Die letzten blauen Stellen verschwinden.
Der Wind zieht an. Die Bäume, Sträucher, Halme beginnen sich in seinem Rhythmus zu bewegen. Nicht hektisch. So, als würden sie sich auf etwas vorbereiten.
Auf den Terrassen wird aufgeräumt, die Sonnenschirme zusammengeklappt. Jacken tauchen wieder auf. Einzelne Gäste schauen zum Himmel und prüfen ihre Wetter-Apps. Andere vertrauen weiterhin ihrem Optimismus. Anderen ist es egal. Er kommt wie er kommt.
Die ersten Tropfen fallen. Noch weit voneinander entfernt. Dann ein paar mehr. Nach den vergangenen Tagen wirkt das ungewohnt. Die Hitze macht Pause.
Die Wiesen bekommen etwas Wasser. Die Dächer ebenfalls. Und Eiger, Mönch, Schwarzmönch und Jungfrau verschwinden langsam hinter einem Vorhang aus Nebel und Regen.
Für ein paar Momente übernimmt das Gewitter die Regie.
Dorfe.
Sie frassen. Man erzählte.
Sie frassen. Man erzählte.
Am Morgen stehen die Gämsen manchmal fast vor der Tür. Dort wächst noch ein Rest feiner, frischer Kräuter. Genug, um den Weg ins Dorf zu rechtfertigen. Gestern waren sie besonders nah. So nah, dass man sich nicht mehr einfach nur gegenseitig beobachtete.
Me het dorfet.
«Zäme dorfe» sagt man hier, wenn man zusammensteht, redet, schaut, was läuft, und nicht unbedingt zu einem Ergebnis kommen muss. Sie frassen. Man erzählte, blieb eine Weile beieinander. Dann gingen die einen wieder den Hang hinauf. Und die andere ins Haus.
Was genau besprochen wurde, blieb im Dorf.

