Ein Rezept, das nichts erklärt und alles weiss.
Es gibt Rezepte, die stehen in Kochbüchern. Und es gibt Rezepte, die stehen nirgends, weil sie nur funktionieren, wenn man sie nicht aufschreibt. Bäbätsch gehört zu letzterer Kategorie. Ich wage trotzdem einen Versuch.
Ein Gericht ist es nicht, nein. Eine Süssspeise auch nicht. Eher ein Zustand, ein Moment. Gesichert ist nur die kleine, warme Erschütterung, zwischen Gaumen, Erinnerung und Grosselternküche.
Bäbätsch besteht aus genau drei Dingen. Weissbrot, *Anke und **Hong (*Butter, **Honig, hochdeutsch); mehr nicht. Und darum ist alles heikel.
Das Weissbrot ist die Bühne. Zu viel davon, und das Ganze wird trocken, brav, protestantisch. Ein Brot, das seine Rolle missversteht und plötzlich Hauptdarsteller sein will. Zu wenig aber, und die Sache schmiert ab. Dann wird der Bäbätsch nicht mehr getragen, sondern ertränkt. In Fett. In Süsse. In Übermut.
Die Butter ist das Fundament. Sie trägt, verbindet, schmiert die Erinnerung geschmeidig. Butter ist die Diplomatin dieses Dreiecks, vermittelt zwischen Brot und Honig, sorgt dafür, dass keiner zu laut wird.
Der Honig schliesslich ist der Zauber. Nicht der Zucker, der Honig. Warm, floral, leicht animalisch. Zu viel, und Bäbätsch verliert seine Würde. Zu wenig Honig, und er verliert seine Seele. Honig ist kein Belag, Honig ist ein Versprechen.
Das Entscheidende also ist das Verhältnis, die richtige Balance. Nicht messbar. Nicht reproduzierbar. Es gibt keine Gramm und keine Teelöffel und schon gar keine Anleitung. Bäbätsch entsteht aus jahrelanger Erfahrung, Beobachtung und aus dem Wissen, wann genug genug ist. Und wann noch nicht.
Und dann das Mischen. Butter und Honig müssen sich auf dem Weissbrot begegnen. Nicht zu innig, sonst entsteht eine gesichtslose Masse. Auch nicht zu zaghaft, sonst bleiben sie zwei feindliche Lager. Sie müssen zusammenfinden, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
Die Zubereitung verlangt ein Mass an Urteilskraft, das man sich gelegentlich auch in anderen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens wünschen würde.
Meine Grosseltern haben nie darüber gesprochen. Sie haben es einfach getan. Das Weissbrot lag da, als wäre es zufällig dort gelandet. Die Butter war weich, nie flüssig oder hart. Der Honig floss langsam, oft etwas widerwillig, wie man es von ihm kennt, als ob man ihn überreden müsse zu seinem Glück.
Und dann dieser Moment, wenn alles zusammenfand und nichts dominierte und nichts fehlte.
Der erste Biss war kein Ereignis, sondern ein Eintreten. In einen Raum, den man kennt, auch wenn man ihn lange nicht betreten hat. Das Brot gab nach. Die Butter schmolz. Der Honig blieb kurz stehen und verschwand. Dazwischen passierte etwas, das man heute vielleicht grossspurig benennen würde, das aber, damals zumindest, einfach selbstverständlich war. Ein vollständiger, stiller In-Mouth-Orgasmus, ganz ohne Aufhebens.
Bäbätsch ist Präzision, eine der frühesten Lektionen über Mass, Balance und Zurückhaltung. Über das feine Gefüge zwischen zu viel und zu wenig, über das Wissen, dass Genuss nichts mit Übertreibung zu tun hat, sondern mit Genauigkeit.
Glück ist manchmal ein Stück Weissbrot, mit Anke, Hong und sonst nichts.

