Rosinenpicker.

Wir wählen aus der Welt, was uns passt, und suchen nachher aus dem Essen wieder heraus, was uns stört.

Im Chicken Shawarma aus der Convenience-Abteilung stecken Rosinen. Nicht versehentlich. Sie gehören zum Rezept. Ich weiss es, weil ich sie einzeln wieder herausgesucht habe.

Die Schweizer Küche besitzt eine eigene Vorstellung davon, wie das Fremde schmecken soll. Das merkwürdigste Denkmal dafür ist Riz Casimir: Curry, Banane, Ananas. So ungefähr sah Weltläufigkeit jahrelang aus. Das Prinzip hat überlebt. Nur die Namen haben sich verändert.

Heute heissen die Gerichte Couscous, Oriental-Bowl, Thai-Curry oder Bombay-irgendwas. Die Convenience-Abteilung übersetzt sie zuverlässig in ein vertrautes helvetisches Geschmackssystem und ein bewährtes Übersetzungsmittel ist die Frucht. Mango im Salat, Granatapfelkerne darüber, getrocknete Cranberrys dazwischen, Rosinen im Chicken Shawarma.

Dabei kann Frucht zweierlei sein: Zutat oder Herkunftsbezeichnung. Als Zutat übernimmt sie eine kulinarische Aufgabe. Sie bringt Süsse, Säure, Textur oder einen Kontrast. Küchen vom Maghreb bis Persien wissen seit Jahrhunderten ziemlich genau, was sie damit tun.

Als Herkunftsbezeichnung muss die Frucht primär eines leisten: Sie soll mitteilen, dass dieses Gericht von anderswo kommt. Ein paar Rosinen, und schon ist es orientalisch. Etwas Mango, und die Sache hat die Schweiz verlassen. Granatapfelkerne bedeuten: weit gereist. Die Frucht schmeckt dann nicht nur. Sie weist den Weg.

Wohin genau, spielt eine nebensächliche Rolle. Hauptsache, warm. An einem unbekannten Ort südlich oder östlich. Dort, wo Gewürze wachsen, Stoffe farbig sind und Gerichte offenbar Früchte enthalten.

Das Fremde wird auf diese Weise nicht fremder. Es wird vertrauter. Süsser und sehr schweizerisch.

Wir mögen die Welt. Aber portioniert. Übersetzt. Nicht zu scharf und nicht zu weit weg. Am besten mit etwas darin, das wir bereits aus dem Birchermüesli kennen.

Am Ende sass ich vor einer Packung «Cuisine Orientale» und suchte die Rosinen aus dem Chicken Shawarma.

Eine nach der anderen.

Wir wählen aus der Welt, was uns passt, und suchen nachher aus dem Essen wieder heraus, was uns stört.

 
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Bäbätsch.